Deutsche Geschichte
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Deutschland von 1970-1980: Wohlstand und Protest
Deutschland von 1970 bis 1980:
Ostversöhnung, Reformen, Wirtschaftsflaute
Sozialliberale Koalition unter
Willy Brandt
Die Bundestagswahlen 1969 führten
in der Bundesrepublik zu einem Machtwechsel. Die CDU, die seit
Kriegsende 20 Jahre lang regiert hatte, wurde von der SPD abgelöst.
Der neue SPD-Bundeskanzler Willy Brandt bildete mit der liberalen
FDP eine ,Kleine Koalition".
Wie kam es zu diesem Machtwechsel? Zum einen sicher dadurch,
daß die Wähler nach 20 Jahren CDU-Herrschaft eine
andere Partei mit neuen Ideen an der Spitze des Staates haben
wollten.
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Bundeskanzler Willy Brandt and US-President Richard Nixon (Bild: Wikipedia Commons)
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Außerdem hatte sich die Einstellung der Deutschen in den
60er Jahren von der konservativen Grundhaltung der Wiederaufbaujahre
nach dem Krieg immer mehr nach ,links" verschoben. Das hatte
sich in den Studentenunruhen 1968/69 gezeigt, aber auch 1969
in der Wahl von Gustav Heinemann zum ersten SPD-Bundespräsidenten
(der Bundespräsident hat in Deutschland repräsentative
Aufgaben).
Auch die FDP, die bisher immer mit der CDU zusammen regiert hatte,
war linken Gedanken gegenüber offener geworden. Deshalb
war sie jetzt bereit, mit der SPD zusammen eine Koalition zu
bilden.
Die Ostverträge
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Die Ostverträge zwischen der BRD sowie der DDR, VR Polen, CSSR und den Viermächten (Bild: Wikipedia Commons - Imre)
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Die neue Regierung weckte
große Hoffnungen. Sie wollte in Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft Reformen durchführen. Alles sollte sozial gerechter,
besser, wirkungsvoller gestaltet werden.
Zuerst bemühte sich die neue Regierung, zu den Staaten Osteuropas
gute Beziehungen herzustellen. Die CDU unter Adenauer hatte die
Bundesrepublik fest an den Westen gebunden. Zu den Staaten Osteuropas
bestanden dagegen kaum Kontakte, eher eine Haltung der Ablehnung
und Feindseligkeit. Das lag einerseits daran, daß alle
osteuropäischen Staaten kommunistisch waren. Außerdem
verlangten diese Staaten, daß Deutschland auf seine Gebiete
östlich der Oder-Neiße-Linie
[1]
verzichten sollte.
So schloß die neue Regierung nach raschen Verhandlungen 1970 zuerst mit der
Sowjetunion einen Nichtangriffspakt, den
,Moskauer Vertrag".
Darin versprachen beide Regierungen, gegen den anderen Staat
keine Gewalt (Krieg) anzuwenden. Außerdem verpflichteten
sie sich, alle bestehenden Grenzen (also auch die Oder-Neiße-Grenze)
als unverletzlich zu respektieren.
Einen ähnlichen Vertrag schloß die Bundesrepublik
kurz darauf mit Polen ab. Bei der Unterzeichnung des Vertrags
in Warschau kniete Bundeskanzler Brandt für eine Minute
des Gedenkens vor dem Mahnmal der Opfer des Gettoaufstands
[2] von 1944
nieder. Dieses Bild löste in der ganzen Welt positive Reaktionen
aus.
Da Westberlin auf dem Gebiet der DDR lag, hatten die Russen bisher
mehrmals versucht, die Verbindungen Westberlins mit Westdeutschland
zu blockieren und es kommunistisch zu machen. Nun aber erreichte
die Bundesregierung in einem Abkommen, daß die Sowjetunion
ungehinderten Auto- und Bahnverkehr zwischen Westdeutschland
und Westberlin versprach.
Am schwierigsten war der Vertrag mit der ostdeutschen DDR. Walter
Ulbricht, der hier alle Macht in der Hand hatte, sträubte
[3] sich gegen
eine Vereinbarung mit der Bundesrepublik. Die DDR hielt seit
dem Mauerbau ihre Grenzen nach Westdeutschland und Westberlin
hin streng verschlossen. Erst als Ulbricht 1971 auf Druck Moskaus
durch Erich Honecker abgelöst war, kam man zu einer Einigung.
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Erich Honecker (Bild: pixelio.de)
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So wurde 1972 der Vertrag über die Grundlagen der Beziehung
zwischen der Bundesrepublik und der DDR geschlossen, der
,Grundlagenvertrag".
Darin erkannte die Bundesrepublik die DDR als selbständigen
Staat an. Dafür versprach die DDR, mehr menschliche Kontakte
zwischen ihr und Westdeutschland zu erlauben (Besuchsreisen,
Telefongespräche u.a.).
Die Bundesrepublik sagte jedoch in dem Vertrag: ,Die DDR ist
für uns nicht Ausland wie jeder andere fremde Staat"
(das hatte die DDR gewünscht), ,sondern wir Deutschen in
West- und Ostdeutschland sind weiterhin eine Nation, ein Volk.
Wir arbeiten deshalb weiterhin daran, einmal wieder vereinigt
zu werden".
1973 wurde auch noch mit der Tschechoslowakei ein Vertrag geschlossen.
Mit diesen Verträgen haben Willy Brandt und die SPD sich
das historische Verdienst erworben, Frieden zwischen (West-)Deutschland
und seinen ehemaligen Kriegsgegnern in Osteuropa geschlossen
zu haben. Dafür wurde Willy Brandt 1971 der Friedensnobelpreis
[4] verliehen.
Widerstand gegen die Ostverträge
Für die sozialliberale
Koalition war es nicht leicht, die Ostverträge vom Bundestag
beschließen zu lassen. Hier leistete die konservative CDU
in der Opposition erbitterten
[5]
Widerstand.
Denn die CDU meinte, die SPD sei dem Osten zu weit entgegengekommen.
Durch die Anerkennung der DDR sei die kommunistische Herrschaft
in Ostdeutschland anerkannt worden, eine Wiedervereinigung sei
deshalb unmöglich geworden.
Auch sträubten sich viele Deutsche gegen die Preisgabe der deutschen Gebiete
östlich der Oder-Neiße-Linie an Polen. Diese Gebiete
waren seit Jahrhunderten deutsch gewesen. Zahlreiche berühmte
Deutsche stammten aus ihnen, z.B. der Philosoph Kant und der
Dichter Eichendorff.
Die Bevölkerung dieser Gebiete - 12 Millionen Deutsche -
war zum größten Teil 1945 vor den heranrückenden
russischen Truppen in den Westen geflohen oder später dorthin
umgesiedelt worden. Dabei waren etwa 2,5 Millionen Menschen verhungert,
im Krieg getötet oder ermordet worden. Viele Deutsche aus
den Ostgebieten dachten voll Trauer an ihre verlorene Heimat
und den Verlust ihrer Angehörigen.
Aber auch die CDU wollte Frieden mit den osteuropäischen
Staaten. Deshalb stimmten die meisten CDU-Abgeordneten im Bundestag
schließlich zwar nicht für, aber auch nicht gegen
die Verträge. Sie enthielten sich der Stimme.
Man kann verstehen, daß Deutschland für Hitlers große
Verbrechen - besonders an den Menschen in Polen und Rußland
- büßen muß. Mit den Ostgebieten verlor Deutschland
ein Viertel seines Staatsgebiets.
Soziale und gesellschaftliche Reformen
Aber auch in Deutschland
selber führte die sozialliberale Koalition zahlreiche Reformen
und Veränderungen durch. Die Arbeiter in den Fabriken bekamen
mehr Macht gegenüber den Fabrikbesitzern. Rentner, kinderreiche
Familien, Studenten und Arbeitslose erhielten mehr Geld vom Staat.
Die Löhne der Arbeiter stiegen. Um für die Studenten
bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen, wurden zahlreiche neue
Universitäten gegründet.
Auch im Ehe- und Familienleben bekamen die Menschen mehr Freiheit.
Ehescheidungen und Abtreibungen wurden erleichtert. Pornographie
und Homosexualität wurde erlaubt. Die Frauen sollten im
Beruf die gleichen Rechte bekommen wie die Männer.
Wirtschaftlicher Rückgang
Die Regierung plante noch
weitere Reformen. Doch wegen Geldmangels konnte sie ihre Reformen
nicht oder nicht so durchführen, wie sie es wollte.
Denn gerade jetzt wurde das Geld für den Staat knapp. Bis
dahin war es der Wirtschaft fast immer gut gegangen. Der Wohlstand
der Deutschen war ständig gewachsen, Arbeitslose gab es
fast keine.
Da erhöhten die ölproduzierenden Länder 1974 (und
noch einmal 1979) kräftig den Ölpreis. Dadurch wurde
die Produktion der Waren teurer, die Preise stiegen. Deshalb
wurde jetzt weniger produziert und gekauft als bisher. Der Staat
nahm dadurch weniger Steuern ein, die Zahl der Arbeitslosen stieg.
So fehlte oft das Geld für Reformen.
Durch die Ölkrisen, durch die zunehmende Automatisierung
(Ersetzung der Menschen durch Maschinen) und aus anderen Gründen
wuchs seitdem die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland immer
mehr an.
Kanzler Schmidt als Krisenmanager
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Helmut Schmidt - Deutscher Bundeskanzler 1974–1982 (Bild: Wikipedia Commons)
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1974 trat Willy Brandt als Kanzler
zurück. Zu den tieferen Gründen dafür gehörten
sicher die beginnenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Brandt
konnte gut in die Zukunft weisende Pläne, Visionen, entwerfen.
Aber er hatte nicht die Fähigkeit, Schwierigkeiten in mühsamer
Kleinarbeit zu beseitigen. Auch hatte er die für ihn wichtigste
Aufgabe, die Ostverträge, zum Abschluß gebracht.
Brandts Nachfolger als Kanzler wurde Helmut Schmidt. Er war das
Gegenteil von Brandt. Er war ein guter Praktiker.
Die Bundesregierung gab jetzt der
Wirtschaft Geld für neue Investitionen. Dadurch sollte die
Wirtschaft ihre Produktion steigern. Als Folge sollte die Arbeitslosenzahl
sinken. So wurde die Wirtschaft neu angekurbelt
[6].
Die Regierung mußte sich jedoch das Geld für die Wirtschaft
von den Banken als sogenannte ,Kredite" leihen. Dadurch
stiegen die Schulden des Staates immer mehr. Heute muß
die Bundesregierung schon jede vierte Mark an Steuereinnahmen
zur Zahlung von Zinsen für Kredite verwenden. Die ,goldenen"
50er und 60er Jahre für die Wirtschaft kehrten nicht wieder.
Linksterrorismus
Aus den Studentenunruhen
von 1968/69 war eine kleine radikale Gruppe hervorgegangen, die
den Staat mit Gewalt bekämpfte.
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Logo der RAF (Bild: Wikipedia Commons)
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Diese jungen Leute wollten
den Reichen ihren Besitz (Industrien, Banken) wegnehmen und dem
Volk übertragen. Nicht mehr die Reichen und Mächtigen
sollten regieren, sondern das Volk. Nach ihren beiden Anführern
Andreas Baader und Ulrike Meinhoff wurde dieser kleine Kreis
die ,Baader-Meinhoff-Gruppe" genannt.
Diese Studenten warfen in den 70er Jahren Bomben in Kaufhäuser.
Sie ermordeten zahlreiche Personen, die ihrer Meinung nach zu
der reichen und herrschenden Oberschicht gehörten, z.B.
Politiker, Industrielle und auch den Bundes-Staatsanwalt
[7].
Dadurch hofften sie, das Volk zu einem gewaltsamen Aufstand,
einer Revolution, gegen die Reichen bewegen zu können.
Aber die Deutschen wollten keine Revolution. So resignierte
[8] die Baader-Meinhoff-Gruppe
schließlich. Ihre Mitglieder kamen bei Kämpfen mit
der Polizei ums Leben oder töteten sich selber. Andere wurden
gefangen und zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt.
Ende der SPD-Regierung
Die Regierung Schmidt bemühte
sich weiterhin um ein freundliches Verhältnis zur DDR und
zu Osteuropa sowie um Entspannung zwischen der NATO und dem Warschauer
Pakt.
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Mitgliedsstaaten der Nato mit Aufnahmejahr (Bild: Wikipedia Commons)
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Die Sowjetunion brachte jedoch immer mehr Raketen nach Osteuropa,
die Atombomben tragen und damit ganz Westeuropa vernichten konnten.
Deshalb beschloß die NATO, ebenfalls solche Raketen in
Westeuropa zu lagern, falls die Sowjetunion nicht einen Teil
ihrer Raketen entfernen würde. Dazu war die Sowjetunion
jedoch nicht bereit.
Bundeskanzler Schmidt bejahte diesen Beschluß zur ,
Nach-Rüstung"
der NATO. Dafür wurde er in seiner eigenen Partei, der SPD,
von deren linkem Flügel heftig angegriffen. Schon vorher
hatten in der SPD viele kritisiert, daß die Regierung nicht
noch mehr Reformen durchführte.
Durch diese Auseinandersetzungen zerbrach schließlich 1982
die Koalition zwischen SPD und FDP. Bundeskanzler Schmidt, der
gute Arbeit geleistet hatte, mußte abtreten.
Wir Menschen brauchen Ordnungen
Zwar waren die Terroristen
in den 70er Jahren in Deutschland nur eine kleine Gruppe. Aber
wie sie lehnten sich viele jüngere Menschen gegen den Staat
und die ältere Generation auf, gegen Regierung, Polizei,
Schule, Militärdienst, Elternhaus. Man wollte möglichst
frei von allen Verpflichtungen und Anordnungen sein.
Die lebenslange Bindung in der Ehe wurde abgelehnt. Viele fingen
an, auch ohne Eheschließung mit einem Partner des anderen
Geschlechts zusammenzuleben. Die Zahl der Abtreibungen stieg.
Die Kinder sollten ,
anti-autoritär", ohne Anordnungen
und Regeln, aufwachsen. Drogen, deren Genuß früher
abgelehnt wurde, wurden jetzt von vielen konsumiert.
Aber wir Menschen brauchen Anordnungen und Grenzen. Sie schützen
und erhalten unser Leben. Deshalb hat Gott uns seine 10 Gebote
gegeben: ,Ehre deine Eltern; Du sollst nicht ehebrechen; usw.".
Wer keine Grenzen mehr einhält, geht früher oder später
zugrunde.
Ohne gesunde Ehen und Familien, ohne zur Pflichterfüllung
und zum Arbeiten erzogene Kinder, ohne Achtung vor der Autorität
des Staats zerstört ein Volk langsam sich selber.
Nur in der Bindung an Gott und seine Anordnungen kann unser Leben
gelingen. Nur im Glauben an Gott, festgehalten von ihm, können
wir in allen Nöten und Krisen bestehen.
Hans Misdorf
[1] die
Oder-Neiße-Linie: Westgrenze der laut Potsdamer Abkommen
vom 2.8.45 Oktober Polen zur Verwaltung übergebenen deutschen
Gebiete. Sie verläuft westlich von Swinemünde und Stettin
über untere Oder und westl. Neiße zur tschechischen
Grenze
[2] das
Getto: (hist.) der abgeschlossenen Teil einer Stadt, in dem die
jüdische Bevölkerung leben mußte [hier: Warschauer
Getto]
[3] sich sträuben: etwas nicht wollen,
sich dagegen wehren
[4] [-nobel`-]
[5] erbittert: sehr heftig, sehr intensiv
[6] ankurbeln:
durch spezielle Maßnahmen die Leistung und Produktivität
einer Sache erhöhen
[7] der
Staatsanwalt: jmd., der im Auftrag des Staates Verbrechen untersucht
und vor Gericht die Anklage vertritt
[8] resignieren:
in bezug auf eine bestimmte Sache die Hoffnung aufgeben
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