Beginnen wollen wir mit ein paar Zahlen. Innerhalb der Stadtgrenzen von Berlin leben ca. 3,4 Millionen Menschen, im sogenannten unmittelbaren Ballungsraum [1] Berlin sogar mehr als vier Millionen. Jedem Einwohner bleiben statistisch [2] gesehen 32,9 Quadratmeter Wohnfläche. Auf den Straßen und Autobahnen der Großstadt rollen täglich mehr als eine Million Autos.
Das ist Berlin, die ehemals geteilte und nun wiedervereinigte Stadt, die alte und wieder neue Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Wen wundert es, daß diese Stadt zwei Kongreßzentren [3] hat, zwei Trabrennbahnen [4], zwei Funk- und Fernsehtürme, zwei Sternwarten [5], zwei Zoologische Gärten[6], zwei Nationalgalerien [7] …

Und wen wundert es, daß diese Stadt zur Zeit die größte Baustelle Europas ist. Der Umzug der deutschen Regierung erzwingt den Umbau alter Stadtbereiche und den Neubau ganzer Stadtviertel. Auch das Straßennetz und das Verkehrsnetz von U-Bahn [8], S-Bahn[9] und Fernbahn [10] werden umgebaut und erweitert. Unterirdisch entstehen neue Tunnelbauten, oberirdisch große Gebäudekomplexe [11] für die Regierungsbehörden.
Für die vielen Menschen, die von Bonn am Rhein nach Berlin an Spree und Havel [12] umgezogen sind oder noch umziehen werden, muß viel neuer Wohnraum geschaffen werden. Und auch Geschäfte, Restaurants und vieles andere gehören dazu. Niemand weiß so recht, wie viele Millionen Mark für die Veränderung und Erneuerung der Stadt ‚in den Sand‘ [13] gesetzt werden, und das sogar in wörtlichem Sinne. Denn der Bauuntergrund in Berlin ist überwiegend sandig, so daß große Anstrengungen notwendig sind, die Tunnelbauten und die Gebäude auf feste und tragfähige Fundamente zu stellen.

Zwei Baustellen der „Berliner Republik“ wollen wir im Folgenden besuchen. Mitten im Tiergarten, einem großen Parkgelände des gleichnamigen Stadtbezirks, liegt das 200 Jahre alte Barockschloß Bellevue. Schon viele Jahre vor der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten war dieses Schloß der Berliner Amtssitz des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Seit den letzten Amtswochen von Richard von Weizsäcker im Jahre 1994 ist das Schloß der erste Amtssitz des deutschen Staatsoberhauptes. Hier residierte danach bereits Roman Herzog, während die Beamten seines Präsidialamtes noch in Bonn arbeiteten.
Damit die ca. 150 Mitarbeiter des jetzigen Bundespräsidenten Johannes Rau in der Nähe ihres Chefs arbeiten können, mußte ein neues Gebäude errichtet werden. Es entstand auf einer Lichtung [15] mitten im Park. Dadurch brauchten zum Glück nur 83 Bäume gefällt werden. Im Gegenzug wurden dafür dann 670 Neupflanzungen vorgenommen, die allein 3,5 Millionen Mark gekostet haben – eine verhältnismäßig kleine Summe gegenüber den Gesamtkosten des Gebäudes von mehr als 100 Millionen Mark. Der viergeschossige Neubau ist so angelegt und gestaltet, daß jedes der 130 Büros einen Blick auf den Park hat. Natürlich enthält das Gebäude auch Sitzungsräume, eine Bibliothek, umfangreiche Versorgungs- und Sanitäranlagen [16], die zu den beiden Innenhöfen des Gebäudes hin ausgerichtet sind, das von den Berlinern wegen seiner Form auch „Präsidenten-Ei“ genannt wird. Das Dach dient – ganz im Sinne des Umweltschutzes – der Energieversorgung des Hauses: Eine 900 Quadratmeter große Solaranlage produziert 15% der benötigten Energie; das entspricht dem Jahresenergiebedarf von zehn Einfamilienhäusern. Übrigens hatten die Baufirmen während der Bauzeit mit gefährlichen Überbleibseln [17] aus dem Zweiten Weltkrieg zu tun: Mehr als 20 Tonnen hochexplosiver Munitionsreste wurden gefunden und mußten entschärft [18] und weggeräumt werden. Bundespräsident Herzog mußte deshalb zweimal seinen Amtssitz fluchtartig verlassen. Zum Glück ist aber bei der Beseitigung der Erblasten [19] des letzten Krieges nie etwas passiert.
Auch das Schloß Bellevue selbst ist durch Umbauten inzwischen auf den neuesten Stand der Technik gebracht worden. Neue Anlagen zur Sicherheit des Bundespräsidenten waren erforderlich, z.B. eine Mauer entlang des Uferweges an der Spree. Der deutsche Steuerzahler mußte dafür ca. 80 Millionen Mark aufbringen.

Während eines Berlinaufenthaltes im Jahre 1992 beschloß der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, gegenüber dem Reichstag, dem Sitz des Deutschen Bundestages, das Berliner Domizil [20] des Regierungschefs zu bauen. 836 Architekten aus dem In- und Ausland beteiligten sich an dem Wettbewerb, der die beste Lösung des Bauproblems erbringen sollte. Der deutsche Architekt Axel Schultes erstellte einen Entwurf, der Helmut Kohl sehr gut gefiel. Im Februar 1997 begann dann der Neubau des Kanzleramtes mit dem symbolischen Spatenstich [21], den der Bundeskanzler persönlich ausführte. 2001 wurde es offiziell eingeweiht. In seinem Mittelteil ist es 36 Meter hoch; die Seitenteile bestehen aus fünfstöckigen Verwaltungstrakten[22]. Es hat 310 Büros, in denen ca. 400 Mitarbeiter des Kanzlers arbeiten. Ihre Autos können sie in einer großen Tiefgarage abstellen. Durch die Gestaltung von zwei Wintergärten [23] und durch die Verwendung von viel Glas wirkt das mächtige Haus freundlich und durchlässig.
Lothar von Seltmann
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