Hermann Hesse: Freiheit und Bindung[1] ***
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Hermann Hesse |
Besonders jüngere Menschen können sich mit den Personen und Aussagen in Hesses Büchern identifizieren. Er lehnt[3] Autoritäten und Traditionen ab. Er tritt für die Freiheit des einzelnen in der Gestaltung seines Lebens ein. Er kämpft gegen den Krieg. Er wirbt für eine alternative (natürliche) Lebensweise. Er liebt die Natur und fordert ihre Erhaltung. Auch seine Beziehung zu den fernöstlichen Religionen, besonders Indiens, macht ihn für viele heute interessant.
Los von Traditionen
Hesse wurde 1877 geboren. Er wuchs in Württemberg auf. Seine Eltern waren fromme Christen. Sein Vater war Missionar in Indien gewesen.
Als Schüler litt Hesse unter dem Zwang in einem christlichen Schülerheim. Er war ein sehr sensibler[4] Mensch. Er lief aus dem Schülerheim fort und machte einen Selbstmordversuch. Er sagte[5] sich vom christlichen Glauben und der Tradition seines Elternhauses los. Trotzdem spürt man bei ihm immer wieder etwas vom christlichen Glauben.
Hesse hat schöne lyrische Gedichte geschrieben. Seine Sprache ist immer einfach und schlicht[6]. In dem folgenden Gedicht vergleicht er die Natur im Vorfrühling mit der Passion[7] Jesu:
Verhangener[8]
Tag, im Wald noch Schnee,
im kahlen[9]
Holz die Amsel[10]
singt.
Des Frühlings Atem ängstlich
schwingt[11],
geschwellt[12]
von Lust, beschwert von Weh[13].
So
einsam steht und klein im Gras
das Krokusvolk[14],
das Veilchennest[15].
Es
duftet scheu[16]
und weiß nicht was,
es duftet Tod und duftet Fest.
Baumknospen
stehn von Tränen blind,
der Himmel hängt so bang[17]
und nah.
Und alle Gärten, Hügel sind
Gethsemane[18]
und Golgatha[19].
Von 1912 bis zu seinem Tod 1962 lebte Hesse als Schriftsteller in der Schweiz. Er wohnte zurückgezogen[20] in einem Haus auf dem Lande inmitten der Natur. Er war dreimal verheiratet und hatte mehrere Kinder, Enkel und Urenkel. Von politischen Auseinandersetzungen[21] hielt er sich fern. Er sah in allen politischen Parteien Egoismus und Machtstreben.
Auf der Suche nach Freiheit
In den meisten seiner Bücher schildert Hesse, wie ein Mensch sich innerlich-geistig entwickelt und zu einem reifen Menschen wird. Dazu gehören die Romane „Demian“, „Siddharta“, „Der Steppenwolf“ und „Narziß und Goldmund“.
Wie Hesse als Schüler, so streben die Menschen in diesen Büchern heraus aus Ordnung und Enge nach Freiheit und Lebensgenuss bis hin zum Chaos. Auch sexuell fühlt Hesse sich kaum an Grenzen gebunden. Denn für ihn sind „schön und hässlich, hell und dunkel, Heiligkeit und Sünde immer nur für einen Moment Gegensätze. Immerzu gehen sie ineinander über“. Sie alle gehören zum bunten Leben dazu. Auch der Hinduismus[22] und Buddhismus[23] lehrt ja, dass alle Gegensätze in der Welt letzten Endes eine Einheit sind.
Aber hier widerspricht Hesse sich selber. Denn auch er kennt verbindliche ethische Werte wie Toleranz, Menschlichkeit, Pazifismus[24], Schutz der Natur. Das Gegenteil wie Grausamkeit[25], Krieg führen und Naturzerstörung lehnt auch er ab. Auch wenn Hesse viel Freiheit für den einzelnen fordert, so ahnt[26] er doch zumindest hinter der Welt eine göttliche Ordnung, die dem einzelnen Grenzen setzt: „Irgendwo über den Bergen muss meine Heimat sein“.
Einsamkeit und „neue Räume“
Hesse sagt in einem Gedicht:
Seltsam,
im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt
den andern
Jeder ist allein.
Jeder Mensch ist nach Hesse letzten Endes einsam. Allein aus sich selber heraus, aus seiner eigenen Seele muss er alles Wissen um das Gute und alle Kraft dazu schöpfen[27]. Das können jedoch nur einzelne. Die Menschheit im Ganzen bleibt deshalb an das Schlechte gebunden.
Hesse hat damit Recht. Heute wie schon immer wird die Menschheit von Neid, Egoismus und Aggression beherrscht. Aber viele einzelne Menschen haben immer wieder Jesus Christus kennen gelernt und wurden durch ihn neue Menschen: Menschen mit Liebe, mit der Bereitschaft zu vergeben, sich für andere einzusetzen und aufzuopfern[28]. Jesus hat durch sein Sterben am Kreuz dem Bösen in uns die Kraft genommen.
In seinem letzten großen Roman „Das Glasperlenspiel“ erzählt Hesse das Leben des Meisters Josef Knecht. Dieser beherrscht vollkommen die Kunst des „Glasperlenspiels“. Das heißt: er versteht und beherrscht vollkommen alle menschlichen Wissenschaften und Künste. Aber eines Tages verlässt er diese nur theoretische Welt und geht hinaus in das bunte Leben des Alltags. Dabei stirbt er.
Sein Tod soll wohl bedeuten: Wir Menschen wandern auch von der besten Erkenntnis immer zu einer noch besseren, neuen, auch durch den Tod hindurch. In einem Gedicht schreibt Hesse:
Es
wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen
jung entgegen senden.
Des Lebens Ruf an uns wird niemals
enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.
Doch auch hier sah Hesses Leben anders aus. Er ist nicht gern „neuen Räumen“ nach seinem Tod entgegengegangen. Seine Frau war froh, dass er von seiner schweren Krankheit[29] an seinem Lebensende nichts wusste.
Getröstet im Sterben sind wir aber, wenn wir Gott kennen. Wir spüren dann seine Liebe in unserer letzten Stunde. In seinen Armen wachen wir nach dem Tod zu einem neuen Leben auf.
Hans Misdorf
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[1]
die Bindung: emotionale Beziehung zu jmdm. oder
etwas, Verpflichtung |

