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"Etwas schief ins Leben gebaut"
Zum 125. Geburtstag von Joachim Ringelnatz
Joachim Ringelnatz (sein bürgerlicher Name Hans Bötticher war ihm zu spießig[1]) wird am 7. August 1883 in dem kleinen Städtchen Wurzen in Sachsen geboren. Nach mehreren Strafversetzungen verlässt er die Schule ohne Abschluss, fährt als Schiffsjunge und Matrose zur See. Wieder an Land übt er in vielen Städten unterschiedliche Berufe aus, arbeitet als Dekorateur, danach als Hausmeister in einer Dachpappenfabrik, als Burgführer und Bibliothekar des Barons von Münchhausen. Als Besitzer eines Münchner Tabakgeschäfts wäre er fast "bürgerlich" geworden, doch bewahrt ihn davor der baldige Bankrott.
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Er ist Mitte zwanzig, als er beschließt, etwas "Richtiges" zu werden, nämlich "Hausdichter". Sein Haus wird die berühmte Künstlerkneipe "Simplicissimus" in München Schwabing. Als seine ersten Bücher mit Moritaten[2], Grotesken[3] und Nonsens-Versen[4] erscheinen, wird es in seinem Leben ernst: Im 1. Weltkrieg wird er Leutnant der Marine. Während der revolutionären Ereignisse des Jahres 1919 ergreift er jedoch Partei für die Soldatenräte und wird bei einer Schlägerei in Berlin so schwer verletzt, dass er fast erblindet. Er überlegt, ob er sich von nun an "Blindschleiche" nennen soll, entscheidet sich aber für den Namen "Joachim Ringelnatz". Unter diesem Pseudonym wird er Autor und Schauspieler an der Berliner Kleinkunstbühne "Schall und Rauch" und geht auf Tourneen durch ganz Europa.
Mit seinem hintergründigen Humor und antibürgerlichen Protest feiert er überall Erfolge als "reisender Artist", der, wie er selber sagt: "Etwas schief ins Leben gebaut ist". Er schreibt Erzählungen, Kinderbücher, wird als Maler mit zahlreichen Ausstellungen erfolgreich. Mit den "Reisebriefen" beginnt der Wandel des Humoristen Ringelnatz zu einem nachdenklichen Dichter, der die Welt zwar mit Humor betrachtet, dabei aber tiefe Einsichten gewinnt.
Sein Witz wird mit den Jahren leiser, seine Verse dienen nur noch selten ausschließlich dem komischen Effekt. Oft erteilt er Ratschläge und Ermahnungen, die er häufig auch an sich selbst richtet. Mitte der zwanziger Jahre entdeckt Ringelnatz eine neue Leidenschaft: das Fliegen. Wann immer es ihm sein Budget erlaubt, reist er per Flugzeug. Dichterisches Ergebnis dieser Reisen sind die "Flugzeuggedanken" (1928/29).
1930 zieht Ringelnatz mit seiner Frau nach Berlin. Seine Lebensbedingungen verschlechtern sich, seine Verse werden immer nachdenklicher. Aus dieser Zeit stammt der Aphorismus: "Die Einsamkeit ist die Treppe zum Gedankenkeller. Sie ist selbstverständlich wertlos für denjenigen, der unten nichts auf Lager hat." Mit Beginn der Herrschaft der Nationalsozialisten müssen viele Kabaretts schließen. Ringelnatz kann kaum noch seinen Lebensunterhalt verdienen. Die Nazis erteilen ihm Auftrittsverbot, auch seine Bücher werden verboten. Am 17. November 1934 stirbt Ringelnatz in Berlin an den Folgen einer verschleppten Tuberkulose.
In den letzten Lebensjahren war Ringelnatz ein Trauernder und Verzweifelter, von schwerer Krankheit gezeichnet. Komik und Sarkasmus[5] halfen ihm, diese Jahre zu ertragen.
Der Artikel erschien in "Der Weg" 4/2008
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[1]
wie ein Spießbürger (=jemand, der ein ruhiges und sicheres Leben führen möchte, bes. keine
(politischen) Veränderungen will und immer das tut, was die Gesellschaft für richtig hält)
[2] die Moritat: 1. von einem Bänkelsänger (mit Drehorgelbegleitung) vorgetragenes Lied mit meist eintöniger Melodie, das eine schauerliche od. rührselige (auf einer Tafel in Bildern dargestellte) Geschichte zum Inhalt hat [u. mit einer belehrenden Moral endet]. 2. in der Art einer Moritat (1) verfasstes Gedicht, Lied. [3] Form der derb-komischen, drastischen Darstellung, die mit bewusst karikierender Verzerrung oder satirischer Übersteigerung v.a. das Paradoxe, Dämonische herausarbeitet [4] Genre des komischen, witzigen Gedichts, auch Unsinns-Poesie genannt, das mit paradoxen, absurden Wort- und Klangspielen die Vieldeutigkeit von Wahrnehmung und Wirklichkeit darstellt. [5] eine Art starker Spott, mit dem man (oft in beleidigender Form) das Gegenteil von dem sagt, was man wirklich meint |

