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Geschichte von den Schildbürgern:

  • Warum die Schildbürger sich dumm stellten

  • Die Schildbürger bauen ein Rathaus

  • Der versalzene Gemeindeacker

  • Der Kaiser kommt zu Besuch

  • Die Kuh auf der alten Mauer

  • Die versunkene Glocke

  • Erziehung an einem Tag oder gar nicht

  • Die Folgen der Dummheit für Schilda und die übrige Welt

  • Die Geschichte von den Schildbürgern I **

    Im Mittelalter lag mitten in Deutschland eine Stadt, die Schilda hieß. Ihre Bewohner nannte man deshalb die Schildbürger. Das waren seltsame Leute. Alles, was sie taten, machten sie falsch. Und alles, was man ihnen sagte, nahmen sie genau so, wie man es ihnen sagte. Wenn zum Beispiel jemand zu ihnen sagte: „Ihr habt ja ein Brett vor dem Kopf[1]!“, dann griffen sie sich schon an die Stirn[2] und wollten das Brett wegnehmen. Und wenn jemand zu ihnen sagte: „Bei euch piept es ja[3]!“, so blieben sie ganz ruhig um genau hinzuhören. Nach einiger Zeit sagten sie dann: „Es tut uns leid, aber wir können nichts piepen hören.“

    So viel Dummheit wurde natürlich bald überall bekannt. Und überall lachte man über die Schildbürger. Aber kann man eigentlich so dumm sein? Nein, so dumm kann man nicht sein! Und so dumm waren die Schildbürger eigentlich auch nicht. Aber warum stellten sie sich dann so dumm?

    Warum die Schildbürger sich dumm stellten

    Lange, bevor die Schildbürger durch ihre Dummheit berühmt wurden, waren sie sehr fleißig und klug. So fleißig und klug, dass von überall Leute nach Schilda kamen, um sich Rat zu holen. Sogar aus fernen Ländern kamen Boten[4] von Kaisern und Königen. Sie wollten, dass ein kluger Mann aus Schilda zu ihnen kommt, und ihnen hilft. So gingen immer mehr Schildbürger ins Ausland.

    Aber in Schilda wurde es immer schlechter. Da die Männer nicht da waren, mussten die Frauen alles tun. Sie mussten Samen auf dem Feld ausstreuen und später die Früchte ernten, die Kinder unterrichten, die Häuser reparieren und alles andere tun, was sonst die Männer getan hatten. Und deshalb ging alles kaputt und die Kinder wurden frech[5] und blieben dumm. Die Frauen hatten lauter Sorgen und wurden schnell alt. Da wurden sie zornig und schrieben ihren Männern einen Brief über ihre Not. Sie sagten den Männern, sie sollten sofort nach Hause kommen.

    Die Männer bekamen große Angst, verabschiedeten sich von den Königen und Sultanen und fuhren so schnell wie möglich nach Schilda zurück. Dort angekommen, erkannten sie Schilda kaum wieder. Die Fenster waren kaputt, die Straßen hatten große Löcher, die Räder der Wagen quietschten[6], die Kinder streckten die Zunge heraus[7], und der Wind wehte die Ziegel[8] vom Dach. „Das habt ihr von eurer Klugheit!“, sagten die Frauen.

    Einige Tage später saßen die Männer im Wirtshaus. Sie klagten sich ihr Leid und überlegten. Draußen standen schon wieder fünf Leute aus fremden Ländern, die Rat haben wollten. „Wir sind alle sehr krank!“, sagten sie. Da gingen die Leute wieder weg. Sie dachten weiter nach.

    Nach einiger Zeit kam dem Schweinehirten eine Idee. Er war lange Stadtbaumeister in Pisa gewesen und hatte dort den bekannten Schiefen Turm gebaut. Er war sehr fleißig. „Ich hab’s!“, sagte er noch einmal. „Die Klugheit war an allem schuld. Und nur die Dummheit kann uns retten.“ Die anderen sahen ihn fragend an. „Das ist der einzige Ausweg[9]. Wenn wir uns alle dumm stellen, dann lassen uns die Könige und Sultane in Ruhe.“ „Aber wie stellt man sich dumm?“ fragte der Schmied? „Nun, dumm zu scheinen, ohne dumm zu sein ist nicht so leicht. Aber wir sind schlaue Leute und werden das schon schaffen.“

    „Bravo! Dummsein ist mal was anderes“, sagte der Schneider. Auch den anderen gefiel der Plan. Die nächsten zwei Monate übten sie das Sich-dumm-stellen im Geheimen. Dann erst machten sie ihren ersten Streich[10]. Sie bauten ein dreieckiges[11] Rathaus. Das machte ihnen viel Spaß. Nur der Lehrer hatte Bedenken[12]. „Wer klug tut, wir davon noch lange nicht klug. Aber wer sich lange dumm stellt, wird vielleicht eines Tages wirklich dumm“. Die anderen lachten ihn aus. „Seht, es fängt schon an.“ „Was?“, meinte der Schmied[13] neugierig. „Eure Dummheit“, rief der Lehrer. Da lachten sie ihn alle aus.

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    [1] ein Brett vor dem Kopf haben: (gespr.) etwas (momentan) nicht begreifen oder nicht wissen
    [2] die Stirn: der Teil des Kopfes zwischen den Augen und den Haaren
    [3] beim jmdm. piept es: (gespr.) jmd. ist nicht recht bei Verstand; jmd. spinnt - piepen: pfeifen (von einem Vogel)
    [4] der Bote: jemand, den man schickt, um einem anderen eine Nachricht zu überbringen
    [5] frech: ohne den üblichen Respekt gegenüber jemandem - ungezogen, unverschämt
    [6] quietschen: durch Reibung einen hellen, schrillen Ton von sich geben
    [7] jmdm die Zunge herausstrecken / zeigen: die Zunge aus dem Mund strecken, um jemandem zu zeigen, dass man ihn verachtet, über ihn triumphiert
    [8] der (Dach-)Ziegel: eine der flachen Platten, mit denen man das Dach eines Hauses bedeckt
    [9] der Ausweg: eine Möglichkeit, aus einer schwierigen, oft hoffnungslosen Situation herauszukommen
    [10] der Streich: eine Handlung, mit der besonders ein Kind jemanden zum Spaß ärgert, täuscht usw
    [11] dreieckig: mit drei Ecken, in der Form eines Dreiecks
    [12] das Bedenken: Zweifel oder Befürchtungen in Bezug auf jemanden / etwas
    [13] der Schmied: jemand, der beruflich Metall, besonders Eisen, bearbeitet und formt, nachdem er es stark erhitzt hat





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