Briefe aus Deutschland 1

Wie leben die Deutschen? Diese Frage stellen viele unserer Leser immer wieder. Aber wenn man schon immer in Deutschland gelebt hat, fällt es einem oft schwer, darüber zu schreiben. Wir sind deshalb sehr froh, dass wir Ihnen mit dieser neuen Serie einen etwas anderen Blick auf Deutschland geben können. Elena Peter kommt ursprünglich aus Russland und ist seit kurzem mit einem Deutschen in der Nähe von Stuttgart verheiratet. In einer Serie von fiktiven[1] Briefen erzählt sie einige ihrer Erlebnisse über das Leben in Deutschland.

Liebe Irina,

nun bin ich schon fast ein halbes Jahr in Deutschland. Ich glaube, dass man Russland mit Deutschland nicht vergleichen kann. Das sind zwei verschiedene Welten. Als ich das erste Mal nach Deutschland kam, musste ich vieles für mich entdecken. Die traditionsreiche deutsche Kultur und die wunderschönen Landschaften haben mich tief beeindruckt[2]. Was aber das alltägliche Leben betrifft, so konnte ich nicht alles sofort verstehen und so manches war recht lustig.

Sprache

Du weißt ja, dass ich als Deutschlehrerin mit abgeschlossener Hochschulausbildung nach Deutschland kam. Ich dachte, die Sprache sei für mich kein Problem. Wir haben an der Uni den „Faust“ von Goethe und „Die Buddenbrooks“ von Thomas Mann im Original gelesen, von denen sogar viele Deutsche keine Ahnung haben. Aber wie enttäuscht war ich, dass ich fast nichts verstehen konnte, als die Leute ihr „Schwäbisch“ schwätzten. Und als ich sie höflich bat, doch bitte Hochdeutsch zu sprechen, meinten sie, es sei zu anstrengend für sie. Ich fand es auch lustig, dass einige sogar meinten, sie hätten im Unterschied zum russischen kyrillischen ein arabisches Alphabet. „Jetzetle isch Schwäbisch für mi koi Problem, i hab‘ scho a bissle glernt!“[3].

Autos und der öffentliche Verkehr

Das Auto, so sagen die Deutschen selbst, ist ihr Lieblingsspielzeug. Ich habe noch nie so viele Autos gesehen, kilometerlange Staus und vierspurige Autobahnen, auf denen die Autos wie verrückt rasen[4]. Manchmal ist es auch ein Problem, einen Parkplatz zu finden, und man braucht sehr viel Zeit dafür. Einmal beschlossen wir, an einem Werktag in ein Möbelhaus zu fahren, um ein neues Schlafzimmer auszusuchen. Gut, dass alle Leute arbeiten, war unser spontaner[5] Gedanke. Neben dem Gebäude des Möbelhauses befindet sich ein riesengroßes Parkhaus mit 13 Ebenen. Kannst du dir vorstellen, in welcher Ebene wir einen Parkplatz gefunden haben? Genau in der dreizehnten, weil die anderen zwölf voll besetzt waren. Und das alles an einem Werktag! Wahnsinn…[6]

Was den Busverkehr betrifft, so bin ich froh, dass die Busse immer pünktlich kommen. Wenn im Busfahrplan steht, dass der Bus um 10.26 Uhr kommt, heißt das, er kommt genau um 10.26 Uhr. In Russland würde es heißen, der Bus kommt im besten Fall mit 10 Minuten Verspätung oder in einer halben Stunde… In den deutschen Bussen wird man selten kontrolliert, aber es lohnt sich nicht, schwarz[7] zu fahren. Wird man bei einer der seltenen Kontrollen ohne gültigen Fahrschein erwischt[8], muss man zum Beispiel für die Kurzstrecke den zwanzigfachen Fahrpreis als Strafe bezahlen. Wenn man aussteigen will, muss man vorher den roten Knopf drücken und der Wagen hält. Der Preis der Fahrkarte hängt davon ab, wie viele Zonen in der Stadt, d.h. wie weit man fahren will.

Ich finde es sehr gut, dass die meisten deutschen Autofahrer gegenüber Fußgängern sehr höflich sind. Wenn man die Straße am Zebrastreifen überquert, wird man nicht überfahren, sondern die Autos halten wirklich an. In Russland sind die weißen Streifen auf dem Asphalt mehr symbolisch. Wenn man aber bei einer Ampel die Straße überqueren will, muss man oft den Knopf drücken, so dass es grün wird.

Von dem, was ich alles in Deutschland entdeckt habe, kann man sicherlich ein Buch schreiben, aber für heute muss ich erst einmal Schluss machen. Mehr in meinem nächsten Brief!

Ganz herzliche Grüße!

Deine Elena

[1] fiktiv: nicht wirklich, sondern frei erfunden – erdacht
[2] jmdn. beeindrucken: in jemandes Bewusstsein oder Erinnerung einen starken Eindruck hinterlassen
[3] Jetzt ist Schwäbisch für mich kein Problem, ich habe schon ein bisschen gelernt.
[4] rasen: (hier) sehr schnell fahren oder laufen
[5] spontan: schnell und einem plötzlichen inneren Antrieb folgend – impulsiv
[6] der Wahnsinn: etwas, völlig unsinnig, unvernünftig oder unverständlich ist; hier Ausdruck des Erstaunens
[7] schwarz fahren: ohne Fahrschein fahren, um Geld zu sparen
[8] jmdn. (bei etwas) erwischen: sehen oder beobachten, wie jemand etwas Verbotenes tut – ertappen


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