Ein Haus auf dem Lande

Liebe Irina,

danke, dass du an uns denkst. Wir haben uns in unserem Haus wirklich gut eingelebt.

Gute Nachbarn

Das Leben auf dem Lande[1] ist ganz anders. Im Dorf ist es vor allem wichtig, gute Nachbarschaft[2] zu pflegen und alle Leute zu grüßen, auch wenn man sie nicht kennt. So sagen die Schwaben zueinander „Grüß Gott“. Ich finde es auch nett, wenn die Kinder zu dir „Hallo“ sagen. Die Menschen auf dem Lande sind besonders freundlich und gesprächig[3]. Man steht oft draußen und spricht über dies und das. Die Leute hier schwätzen[4] vor allem Schwäbisch. Ich habe nichts dagegen, andererseits freue ich mich, dass Martin Luther, der die deutsche Sprache reformiert hat, „koi Schwob war“[5].

Viele Handwerker

Wenn man ein Haus hat, ist es gut, handwerklich begabt zu sein, sonst muss man Handwerker[6] bestellen. So waren bei uns schon ein Elektriker, ein Sanitärfachmann[7], ein Heizungsfachmann, ein Schlosser[8] und ein Dachdeckermeister. Wie du siehst, für jedes Fachgebiet braucht man extra einen Handwerker. In Deutschland ist es üblich, den Handwerkern, wenn sie ihre Arbeit gut gemacht haben, etwas Trinkgeld[9] zu geben. Einmal kam zu uns ein Schornsteinfeger. Er war ganz schwarz gekleidet und wollte unseren Kamin reinigen. Ich hatte gedacht, diesen Beruf gäbe es gar nicht mehr!

Sehr schwer war für uns die erste Zeit, weil wir sieben Wochen auf unsere Küchenmöbel warten mussten. Noch vor dem Umzug ließen wir uns von einem Küchenfachmann beraten. Mit ihm zusammen haben wir die Küche am Computer geplant. So zum Beispiel die Farbe der Möbel, wo die einzelnen Schränke und Geräte stehen werden und wie die Arbeitsplatte aussehen wird.

In dieser Zeit konnten wir oft nur einen Imbiss[10] essen. In einem türkischen Laden haben wir uns Döner geholt. Dies ist ein in der Mitte geschnittenes Fladenbrot. Die Füllung kann man selbst wählen. Vor allem gibt’s viel Fleisch mit Salat und Soße. Das schmeckt gut und ist in Deutschland sehr beliebt.

Der Supermarkt im Keller

Jetzt haben wir im Haus eine große Speisekammer im Keller – wie ein kleiner Supermarkt! Dort bewahren wir unsere Vorräte auf, wie z. B. Mehl, Zucker, Mineralwasser und Seife. Dann müssen wir nicht so oft einkaufen. In Deutschland kauft man gerne auf Vorrat.

In unserem Dorf wohnen knapp 2000 Menschen. Es gibt hier keinen Supermarkt, nur zwei Bäckereien und eine Metzgerei. Wenn mir etwas zum Kochen fehlt, muss ich mit dem Kinderwagen schnell in das nächste Dorf laufen. Das ist 2 km von uns entfernt. Große Einkäufe erledigen wir mit dem Auto.

Zwei Mal pro Woche kommt ein Bauer mit einem Fahrzeug und klingelt laut auf der Straße. Die Frauen kommen ihm mit Einkaufskörben entgegen, um frisches Obst und Gemüse zu kaufen. Oft fährt er durch das Dorf und ruft laut „Kartoffeln! Obst! Gemüse!“. Liebe Irina, bestimmt hast du dir Deutschland ganz anders vorgestellt! [11]

Soviel für heute. Draußen ist schönes Wetter. Ich muss noch unser Beet gießen und meinem Mann beim Rasenmähen helfen!

Liebe Grüße von deiner Elena

Der Artikel erschien in „Der Weg“ 4/2004

[1] das Land: (hier) Gebiet außerhalb der städtischen Zivilisation, das bes. durch das Betreiben von Landwirtschaft geprägt ist; dörfliche Gegend – [auf dem Land(e) leben; das Landleben]
[2] die Nachbarschaft: alle Nachbarn; … pflegen/halten: an einer guten Beziehung zwischen den Nachbarn arbeiten
[3] gesprächig: so, dass er gern redet, viel erzählt – mitteilsam
[4] schwätzen: (südd.) sprechen, reden; auch: freundlich über unwichtige Themen reden – plaudern, schwatzen
[5] kein Schwabe war
[6] der Handwerker: jemand, der als Beruf ein Handwerk (=eine Tätigkeit, die man als Beruf ausübt und bei der man besonders mit den Händen arbeitet und mit Instrumenten und Werkzeugen etwas herstellt) ausübt
[7] der Sanitärfachmann: Installateur, Klempner; sanitär: in Bezug auf die Hygiene und die Körperpflege
[8] der Schlosser: jemand, der beruflich besonders aus Metall oder Eisen Produkte herstellt oder der Maschinen repariert
[9] das Trinkgeld: eine relativ kleine (Geld)Summe, die man zusätzlich gibt
[10] der Imbiss: kleine, oft kalte Mahlzeit
[11] Unser Dorf ist etwas Besonderes, denn es wurde von den Waldensern gegründet. Das waren Christen, die aufgrund von Verfolgung Anfang des 18. Jahrhunderts besonders aus Frankreich nach Deutschland fliehen mussten. Man sieht auch heute interessante Häuser aus der damaligen Zeit. Die Nachkommen der Waldenser haben bis heute französische Familiennamen.


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