Eine Heimat für viele Menschen

Liebe Irina,

in deinem Brief fragst du mich, ob ich mich in Deutschland schon eingelebt habe. Ja, Deutschland ist inzwischen meine zweite Heimat geworden. So, wie es für die Menschen verschiedener Nationalitäten zur Heimat wurde.

Ich war sehr überrascht, dass Deutschland so ein multikulturelles[1] Land ist. Wenn ich mal mit dem Bus fahre, wundere ich mich, dass ich fast kein Deutsch höre. Türkisches Kopftuch oder dunkle Hautfarbe sind hier keine Seltenheit. Es gibt auch viele Geschäfte mit asiatischen oder italienischen Spezialitäten. Auch in Supermärkten findet man immer wieder Regale, die mit Lebensmitteln aus Russland oder der Türkei gefüllt sind. Am Kiosk kann fast jeder die Zeitung in seiner Muttersprache kaufen. Manchmal muss ich mich fragen, ob ich wirklich in Deutschland bin.

Vielleicht wunderst du dich, wieso so viele Menschen aus anderen Ländern hier wohnen?! Ich versuche, es dir kurz zu erklären.

Zwischen 1955 und 1973, in der Zeit des „Wirtschaftswunders“[2], wurden aus den Mittelmeerländern viele Millionen so genannte Gastarbeiter[3] angeworben. Es kamen vor allem viele Türken. Viele Arbeitskräfte blieben auf Dauer und holten ihre Familien nach. Heute gibt es allein ca. 2,1 Millionen Türken in Deutschland.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurden Deutsche aus Ostpreußen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Polen, Rumänien und Jugoslawien vertrieben und mussten in ihre historische Heimat zurückkehren.

Nach 1950 reisten viele Volksdeutsche aus Osteuropa, z.B. aus Rumänien, nach Deutschland ein. Man nennt sie Aussiedler. Viele suchten bessere wirtschaftliche Bedingungen, andere fühlten sich im Osten als deutsche Minderheit[4] unterdrückt[5].

Nach dem Ende der Sowjetunion kamen viele Volksdeutsche, die Spätaussiedler genannt werden, vor allem aus Kasachstan, Sibirien und Mittelasien.

Viele Flüchtlinge aus Kriegsgebieten kommen auch in die BRD. Sie sollen aber in ihre Heimat zurückkehren, wenn der Krieg aufhört.

Es kommen auch einige, die in Deutschland politisches Asyl[6] suchen, weil sie in ihrem Land verfolgt werden. Man nennt sie Asylbewerber.

Die Sprache als Schlüssel

Der Schlüssel zur Integration von Ausländern ist natürlich die Sprache. Da die meisten Zuwanderer[7] nur schlecht oder gar nicht Deutsch sprechen, werden viele Sprachkurse angeboten, damit sie bessere Chancen bekommen, Arbeit zu finden.

Die große Zahl der Ausländer ist einerseits eine Bereicherung für das Land, andererseits aber spaltet sich[8] die Gesellschaft an der Einstellung zu den Fremden. Einige haben Vorurteile gegen Ausländer und meinen. „Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg und sind kriminell“. Es gibt sogar rechtsradikale Gruppen, die die Ausländer bedrohen und angreifen.

Wie du vielleicht schon gehört hast, wird 2003 ein neues umstrittenes[9] Gesetz in Kraft treten[10], um in Zukunft die Zuwanderung zu steuern[11] und für eine bessere Eingliederung zu sorgen.

Ich glaube, jetzt kannst du dir vorstellen, dass ich meine Muttersprache nicht so schnell vergessen kann. Ich habe ja auch viel Kontakt zu den russisch sprechenden Spätaussiedlern. Wenn sie nach Deutschland einreisen, leben sie normalerweise ein Jahr in einem staatlichen Wohnheim, bis sie eine eigene Wohnung finden. Ich setze mich dort ehrenamtlich[12] ein, indem ich den Jugendlichen Sprachunterricht erteile und den Erwachsenen beim Ausfüllen der wichtigen Papiere helfe. Das macht mir viel Spaß, und ich hoffe, dass ich auch zur schnelleren Integration der Zuwanderer etwas beitragen kann.

Also, ich wünsche dir alles Liebe und Gute und bis zum nächsten Mal.

Deine Lena

[1] multikulturell: eine Gesellschaft -> mit Angehörigen mehrerer Kulturen
[2] das Wirtschaftswunder: die schnelle wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland nach 1948
[3] der Gastarbeiter: jemand, der in ein für ihn fremdes Land geht, um dort eine bestimmte Zeit zu arbeiten, und dann oft wieder in seine Heimat zurückkehrt
[4] die Minderheit: (hier) eine kleine Gruppe von Menschen in einem Staat, die sich von den anderen (in ihrer Rasse, Kultur, Religion o.Ä.) unterscheidet
[5] jmdn. unterdrücken: jemanden ungerecht behandeln (unter Anwendung von Gewalt o.Ä.), sodass er sich nicht frei entwickeln kann
[6] das Asyl: er Aufenthalt, den ein Staat einem Ausländer gewährt, um ihn vor Verfolgung zu schützen
[7] der Zuwanderer: Menschen, die in ein Gebiet ziehen, um dort zu leben
[8] etw. spaltet sich: etwas Einheitliches trennt sich in verschiedene Gruppen
[9] umstritten: so, dass es Stimmen dafür, aber auch Stimmen dagegen gibt
[10] in Kraft treten: gültig und wirksam werden
[11] etw. steuern: bestimmen, wie sich etwas entwickelt oder wie es verläuft
[12] ehrenamtlich: so, dass die Person, die die Tätigkeit ausübt, nicht dafür bezahlt wird


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