Unterwegs am Mittelrhein (1)

„Das ist eine Gegend wie ein Dichtertraum, und die üppigste[1] Phantasie kann sich nichts Schöneres erdenken“, so beschrieb Heinrich von Kleist das Tal des Mittelrheins. Das etwa 65 km lange Teilstück von Rüdesheim/Bingen bis Koblenz, das so genannte „Obere Mittelrheintal“, ist wohl für viele Touristen „der Rhein“ schlechthin. Nirgendwo findet man auf so engem Raum eine solche Fülle mittelalterlicher Schlösser und Burgen. Nicht umsonst gehört dieser Teil des Rheins seit 2002 zum UNESCO Weltkulturerbe.

Rüdesheim, Bingen und der Wein

Wir beginnen unsere Reise in der Nähe von Rüdesheim. Dort steht das 1871-1883 erbaute Niederwald-Denkmal. Es erinnert an den Sieg über Frankreich im Jahr 1870/1871. Die 10,5 Meter hohe und 32 Tonnen schwere Figur der Germania hält in der rechten Hand stolz die Kaiserkrone hoch. Mit der linken Hand stützt sie sich selbstbewusst auf das Reichsschwert.

Auf der anderen Rheinseite liegt Bingen. Mitten im Rhein, auf einer kleinen Insel, steht stolz der so genannte „Mäuseturm“. Er ist ein alter Zoll- und Signalturm. Die Sage berichtet, dass der grausame Erzbischof Hatto hier von Mäusen bei lebendigem Leibe aufgefressen wurde, weil er sich geweigert hatte, den Binger Bürgern während einer großen Hungersnot Getreide zu geben.

Die heilige Hildegard von Bingen (1098 – 1179), Äbtissin[2] eines Klosters in Bingen, zählt zu den bedeutendsten Frauengestalten des Mittelalters. Ihre Schriften zum Glauben, zur Natur und zur Heilkunde faszinieren auch heute noch viele Menschen.

Bekannt wurde diese Gegend auch durch ihren Wein. In diesem milden Klima gedeihen in den oft sehr steilen Weinbergen des Rheins die schönsten und bekanntesten Weine. Besonders die so genannte „Riesling-Traube“ ist typisch für die Weinanbaugebiete der Region.

Eine faszinierende Kulturlandschaft

Wenn der Rhein bei Bingen „die Kurve gekriegt“ hat, bahnt sich der Fluss seinen Weg durch das Rheinische Schiefergebirge. Charakteristisch sind die vielen Burgen links und rechts des Flusses. Rund 40 Burgen, Schlösser und Festungen gibt es zwischen Bingen und Koblenz. Dies ist weltweit einmalig!

Der Grund liegt in der Geschichte: Wegen seiner strategischen Lage und der einträglichen[3] Zölle war das Mittelrheintal schon immer Zankapfel[4] zahlreicher Herren [5]. Die Burgen dienten ihnen häufig zur Zollerhebung, sicherten aber auch ein bestimmtes Gebiet gegen kriegerische Nachbarn ab. Sie wurden aus strategischen Gründen an besonders auffälligen Orten errichtet und durch hellen Verputz[6] und hohe Türme als weithin sichtbares „Herrschaftszeichen“ ihres Besitzers hervorgehoben.

Wie ein großes stolzes Schiff steht bei der Stadt Kaub die Burg Pfalzgrafenstein auf einer Insel mitten im Rhein. Gebaut wurde sie von König Ludwig dem Bayern 1326/27, der dadurch hohe Zollabgaben von den Schiffern fordern konnte.

Die Stadt Bacharach mit ihren alten Fachwerkhäusern beschrieb der französische Romantiker Viktor Hugo im 19. Jahrhundert als eine der „schönsten Städte der Welt“. Oberhalb der Stadt liegt die Burg Stahleck, in der sich heute eine Jugendherberge befindet.

Rheinromantik und Loreley

Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckten die deutschen Romantiker den Rhein. [7] Maler und Dichter besuchten das Rheintal. Schon bald entwickelte sich auch der Tourismus. Die ersten Dampfschiffe kamen 1816 aus England und zehn Jahre später nahm die erste deutsche Schifffahrtsgesellschaft ihren Linienbetrieb zwischen Köln und Mainz auf. Schon 1856 waren die erste Million Fahrkarten verkauft. Viele Burgen am Rhein wurden auch zu dieser Zeit wieder aufgebaut.

In der Nähe von St. Goarshausen ist das Rheintal nur etwa 150 Meter breit. Strudel[8] und Untiefen[9] machten die Fahrt an dieser Stelle in früheren Zeiten sehr gefährlich. Aber der Sage nach war ein schönes Mädchen das sich auf der Klippe sitzend die Haare kämmte, Schuld an diesen Unglücken. Weltbekannt wurde die Loreley durch das Gedicht von Heinrich Heine:

Ich weiß nicht was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar;

Ihr goldnes Geschmeide[10] blitzet;
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley getan.

Der Artikel erschien in „Der Weg“ 2/2006

 

[1] üppig: in großer Menge oder Fülle (vorhanden)
[2] die Äbtissin: Vorsteherin eines Nonnenklosters
[3] einträglich: so, dass sie jemandem relativ viel Geld bringen ? rentabel
[4] der Zankapfel: das Thema, das der Anlass zu einem Streit ist
[5] darunter die Erzbistümer Köln, Mainz und Trier, Pfalzgrafen und Landgrafen, sowie reichsfreie Städte und niederer Adel
[6] der Verputz: die dünne Schicht aus Sand und Zement über den Wänden eines Hauses oder einer Mauer
[7] Sie waren die Erfinder der „Rheinromantik“.
[8] der Strudel: eine Stelle in einem Fluss o.Ä., an der das Wasser eine kreisförmige Bewegung macht und wie in einem Sog nach unten gezogen wird. Dabei wird alles, was sich im Strudel befindet, mit nach unten gezogen.
[9] die Untiefe: flache Stelle im Wasser
[10] das Geschmeide: kostbarer Schmuck


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