Deutschland besuchenUnterwegs am Mittelrhein (1)

Unterwegs am Mittelrhein (2) ***

Zu des Rheins gestreckten Hügeln,

Hochgesegneten Gebreiten,
Auen, die den Fluss bespiegeln,
Weingeschmückten Landesweiten
Möget, mit Gedankenflügeln,
Ihr den treuen Freund begleiten.

(Johann Wolfgang von Goethe)

Wir haben die Loreley hinter uns gelassen. Immer wieder begegnen uns Schiffe auf dem Rhein, die ihre schwere Fracht stromaufwärts und stromabwärts befördern. Und dazwischen viele Passagierschiffe, die Tag für Tag Tausende von Touristen auf dem Wasser befördern. Besonders romantisch wird es am zweiten Samstag im August. Dann fahren die Schiffe abends mit voller Beleuchtung, und überall an den Ufern gibt es wunderbares Feuerwerk zu sehen, dann steht der „Rhein in Flammen“. Von weit her kommen die Menschen, um dieses Schauspiel zu erleben.

Burgen im „Doppelpack“

Kurz hinter der Loreley steht die Burg „Katz“. Sie gehörte einst dem Grafen von Katzenelnbogen. Als später der Erzbischof von Trier etwas weiter rheinabwärts in Sichtweite eine kleinere Burg baute, nannte man sie die Burg „Maus“.

Noch etwas weiter rheinabwärts streiten sich hoch über dem Rhein zwei „feindliche Brüder“. Diese beiden Burgen sind nur 150 m voneinander entfernt. Der Sage nach sollen zwei Brüder ihre blinde Schwester um ihr Erbe betrogen haben. Aber beide bekamen ihre gerechte Strafe: Der eine tötete – versehentlich – den anderen mit einem Pfeil und starb dann selbst auf einer Pilgerfahrt.

Boppard

Gegenüber den „feindlichen Brüdern“ liegt die Stadt Boppard, ursprünglich von den Kelten besiedelt. Im vierten Jahrhundert kamen die Römer und errichteten das Kastell[1] „Bodobrica“. Noch heute kann man das Kastell besichtigen. Es ist die besterhaltene Festungsanlage der Spätantike nördlich der Alpen. Teile der Kastellmauer sind bis zu neun Meter hoch. Aber auch durch den Weinbau ist Boppard bekannt: An den Hängen um die Stadt Boppard reifen Weine der Spitzenklasse heran.

Mittelalter am Rhein

Etwas weiter rheinabwärts bei Braubach sehen wir schon von weitem die Marksburg. Stolz und mächtig wächst sie aus einem steilen Schieferkegel[2] in die Höhe. Kein einziges Mal wurde sie von ihren Feinden bezwungen. Erst 1945, als die Truppen der Alliierten den Rhein erreichten, wurde die Festung erheblich beschädigt. Bei dem anschließenden Wiederaufbau stützte man sich auf historische Zeichnungen, so dass die Burg ihr mittelalterliches Aussehen in die Gegenwart herüber retten konnte. 1900 kaufte die Deutsche Burgenvereinigung, die heute noch ihren Sitz auf der Marksburg hat, die Anlage für 1000 Reichsmark, um sie anschließend mit großem finanziellen Aufwand wieder in Stand zu setzen. Heute ist hier die größte burgenkundliche Bibliothek Europas untergebracht. Die Touristen bewundern neben der schönen Aussicht den rekonstruierten Rittersaal, die Schmiede, den Weinkeller und die Folterkammer sowie die Waffen- und Rüstkammer. Auch der Kräutergarten ist bei den Besuchern sehr beliebt.

Rheinromantik

Einige Kilometer flussabwärts sieht man schon von weitem die Stadt Koblenz. Vorher, bei Lahnstein, fließt die Lahn in den Rhein. Auch dort befinden sich wieder zwei Burgen: die Burg Lahneck und gegenüber die imposante Burg Stolzenfels.

Die Burg Stolzenfels stammt aus dem 13. Jahrhundert und wurde nach ihrer Zerstörung durch die Franzosen im 19. Jahrhundert von dem bedeutenden deutschen Architekten Karl Friedrich Schinkel wieder aufgebaut. So entstand eine Mischung einer mittelalterlichen Burg mit Ergänzungen aus dem 19. Jahrhundert, die ihresgleichen sucht.

Am „Deutschen Eck“

Vor über 2000 Jahren gründeten die Römer die Stadt Koblenz. Sie liegt am Zusammenfluss von Rhein und Mosel, dem so genannten „Deutschen Eck“. Durch die Ansiedlung des Deutschen Ordens im 13. Jahrhundert erhielt dieser Platz seinen Namen. 1945 wurde das im Jahr 1897 errichtete Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. zerstört. Es galt einst als das größte seiner Art auf der ganzen Welt. 1993 wurde eine Nachbildung auf den Sockel gehoben, seither ist dieses Denkmal ein Besuchermagnet für Gäste aus aller Welt.

Den besten Blick auf Koblenz hat man von der Festung Ehrenbreitstein am gegenüberliegenden hohen Rheinufer. Sie wurde 1817 bis 1828 von den Preußen zu einer der größten und bedeutendsten Festungen Europas ausgebaut. Heute sind hier u.a. eine Jugendherberge, ein Hotel und ein Museum untergebracht.

Zahllose Kulturdenkmäler und historische Bauwerke bestimmen die Stadt, wie das Deutschherrenhaus und das klassizistische Schloss am Deutschen Eck. Da ist das Gasthaus „Deutscher Kaiser“ aus dem 16. Jahrhundert, das älteste erhaltene Bürgerhaus der Stadt, die Florinskirche, das alte Burghaus und die Balduinbrücke aus dem 14. Jahrhundert. Vor der Kirche Sankt Kastor steht der so genannte Kastorbrunnen. 1812 ließ ihn der französische Präfekt der Stadt mit der Inschrift „Zur Erinnerung an den Russlandfeldzug Napoleons“ aufstellen. Im Jahr 1814 – die Machtverhältnisse hatten sich geändert – setzte der russische Kommandant lapidar seinen Kommentar darunter: „Gesehen und genehmigt…“ – ein in Stein gemeißelter Scherz der Weltgeschichte!

Sehenswert ist auch die nach dem Krieg sorgsam wieder aufgebaute Altstadt mit ihren engen, verwinkelten[3], historischen Plätzen, dazwischen befinden sich Kirchen, Weinlokale, und Fachwerkhäuser mit schönen Erkern[4].

Noch lange könnte man in Koblenz verweilen oder weiter Rheinabwärts fahren, wo andere interessante Städte und Landschaften auf den Besucher warten. Aber an dieser Stelle endet der Mittelrhein, eine der romantischsten Landschaften Deutschlands.

Der Artikel erschien in „Der Weg“ 4/2006


[1] das Kastell: römisches Truppenlager, kleinere Burg oder Festung
[2] der Schiefer: ein dunkelblaues Gestein mit dünnen, flachen Stücken, mit dem man besonders Dächer deckt; der Kegel: ein Körper, der einen Kreis als Grundfläche hat und nach oben immer schmaler wird
[3] verwinkelt: eng und mit vielen Ecken und Kurven
[4] der Erker: ein Teil eines Raumes in einem Haus, der aus der Mauer hervorragt und Fenster hat


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