Deutschland besuchen

Unterwegs im Schwarzwald ***

„Es war herrlich, in dieser einsamen Wirrnis[1] von Düften und Tönen und Sonnenlichtern hingestreckt in den heißen Himmel zu blinzeln[2], oder rückwärts in die dunklen Bäume hineinzulauschen[3]!“, jubelte schon Hermann Hesse über eine der schönsten und bekanntesten Landschaften Deutschlands. Mit seinen dunklen Wäldern und schönen Tälern hat die reizvolle Landschaft des Schwarzwalds schon immer Dichter wie Erholungssuchende angezogen.

Vielfältiges Mittelgebirge

Der Schwarzwald bildet den südwestlichen Eckpfeiler Deutschlands Deutschlands bis fast an die Schweizer Grenze. [4]

Der nördliche Schwarzwald ist offen mit breiten Bergrücken und malerischen Seen. Hier liegen die berühmten Badeorte Baden-Baden, Bad Herrenalb, Wildbad und Bad Liebenzell mit prächtigen Kurlanlagen.

Im mittleren Schwarzwald gibt es die schönsten Schwarzwaldtäler. In Steinach wird man an die Vergangenheit erinnert. Eine der Haupteinnahmequellen war früher der Wald. Um die Baumstämme zu transportieren, nutzte man gerne die Flüsse. So habe Flößer[5] ihre zusammengebundenen Baumstämme in waghalsigen[6] Fahrten über die Kinzig und den Rhein sogar bis nach Holland gebracht.

Liebevoll gepflegte Tradition

In Haslach gibt es ein Trachtenmuseum. Dort kann man unter anderem auch die berühmten Schwarzwälder Bollenhüte sehen. Rote oder schwarze Wollbüschel auf den Strohhüten zeigten an, ob die Trägerin ledig oder verheiratet war. Auch heute noch tragen die Schwarzwälderinnen ihre schönen Trachten, besonders an hohen kirchlichen Festtagen.

Die traditionellen, fast ausschließlich aus Holz gebauten Bauernhäuser des Schwarzwaldes mit den tief heruntergezogenen Dächern kann man am besten im Freilichtmuseum in der Nähe von Gutach sehen. Einfach und idyllisch war das Leben damals aber sicher nicht!

 

Das Hornberger Schießen

Zu „sprichwörtlichem“ Ruhm ist die Stadt Hornberg gekommen. Die Sage erzählt, dass der Herzog zu Besuch kommen wollte, und um dieses besondere Ereignis zu feiern, wollte man ihn mit Böller[7]– und Kanonendonner empfangen. Als der Tag da war, gab der Wächter auf dem Schlossturm zweimal das Zeichen zum Schießen, aber es kamen nur ein Hirte mit seiner Herde und ein fahrender Händler. Als der Herzog dann endlich kam und sie schießen wollten, stellten sie fest, dass sie alles Pulver bereits verschossen hatten! Aber die findigen Hornberger waren deswegen nicht verlegen, und als der herzogliche Gast durch das Tor ritt, riefen sie ihm ein donnerndes „Piff-paff“, „Piff-paff“ entgegen. Wenn etwas, um das viel Aufhebens[8] gemacht wird, im Endeffekt ergebnislos endet, so sagt man, es sei ausgegangen „wie das Hornberger Schießen“.

Der Kuckuck ruft

In Triberg kann man die höchsten Wasserfälle Deutschlands sehen. Hier stürzen die Wasser der Gutach 163 Meter in die Tiefe.

Bekannt wurde der Schwarzwald auch durch seine Uhrenindustrie. Weltweit berühmt ist die Firma Junghans. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts war sie die größte Uhrenfabrik der Welt. 1985 kam die erste Funkuhr auf den Markt, und 1990 wurde hier die erste Funkarmbanduhr der Welt hergestellt. In der Uhrenstadt Furtwangen kann man das Deutsche Uhrenmuseum besuchen.

Bei Schwarzwald und Uhren fällt einem bestimmt auch die besonders bei Touristen beliebte „Kuckucksuhr“ ein. Jede halbe und volle Stunde kommt ein kleiner Kuckuck aus der dekorativ geschnitzten Holzuhr und zeigt die Stunden mit dem Ruf eines Kuckucks an.

Überall begegnet einem auch der große Erfindungsreichtum früherer Generationen, denn früher hatte man an den langen Winterabenden in den eingeschneiten Höfen viel Zeit zum Tüfteln[9] und Erfinden. Oft wurde mit Holz geschnitzt. Nicht nur Uhren, Dübel oder Schindeln[10], sondern auch Masken. In der alemannischen Fastnacht, die auf das heidnische Winteraustreiben zurückgeht, werden diese zum Teil recht alten Masken getragen.

Wandern und Skifahren am Feldberg

Die höchsten Erhebungen sind im Südschwarzwald der 1493 m hohe Feldberg, der Belchen (1414 m) und der Blauen (1165 m). Besondere Anziehungspunkte sind der Titisee und der Schluchsee. Wanderer und Wintersportler zieht es an den Feldberg, der jetzt unter Naturschutz steht. Auf den weitgehend unbewaldeten Gipfel fühlt man sich fast wie in den Alpen. Im Winter findet man hier das größte zusammenhängende Wintersportgebiet des Schwarzwalds. Vor über hundert Jahren wurde hier der erste Skiklub Deutschlands gegründet, und auch der erste Skilift wurde hier in Betrieb genommen.

Noch vieles mehr kann man im Schwarzwald sehen und „erwandern“. Mehrere Fernwanderwege[11], die zwischen 233 und 280 km lang sind, überqueren das Gebirge von Nord nach Süd. Auch wenn durch die zunehmenden Umweltschäden und das Waldsterben, Zersiedlung[12] und Massentourismus der Schwarzwald in Gefahr ist, so versucht man alles, um diese Schönheit auch für nachfolgende Generationen zu erhalten.

Kein Wandrer kommt in unser Land und keiner geht von dannen, der nicht ob seiner hehren Pracht stillsteht und große Augen macht.
Jacob Jacobi, 1897

Der Artikel erschien in „Der Weg“ 2/2005

 


[1] die Wirrnis: (hier) ungeordnete Menge, Masse
[2] blinzeln: die Augen mehrmals hintereinander schnell auf- und zumachen
[3] jmdm./etw. lauschen: jemandem / etwas konzentriert zuhören
[4] Er ist etwa 160 km von lang und hat eine Breite von 20 km im Norden bis zu über 60 km im. In den welligen Gebirgsrücken des Schwarzwaldes schneiden sich eine Vielzahl von Tälern ein.
[5] der Flößer: jmd., der ein Floß begleitet u. steuert
[6] waghalsig: sehr mutig, aber dabei auch leichtsinnig
[7] der Böller: ein kleines Geschütz, mit dem besonders bei festlichen Anlässen (Salut)Schüsse abgegeben werden
[8] um etw. viel Aufhebens machen: einer Sache große Bedeutung beimessen
[9] tüfteln: mit viel Geduld an etw. arbeiten oder darüber nachdenken, wie man ein schwieriges Problem lösen kann
[10] die Schindel: dünnes, oft wie ein Dachziegel geformtes Holzbrettchen zum Decken des Daches u. Verkleiden der Außenwände
[11] Das Wanderwegenetz im gesamten Schwarzwald beträgt 23.000 Kilometer.
[12] die Zersiedlung: Beeinträchtigung oder Zerstörung der Landschaft durch ausufernde städtische Bebauung im ländlichen Raum, durch Bauten außerhalb geschlossener Ortschaften sowie Erschließung von natürlichen Biotopen für Wochenend- und Freizeitzentren und für Industrieanlagen.


Facebooktwittergoogle_pluslinkedintumblrmailFacebooktwittergoogle_pluslinkedintumblrmail