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Die Wartburg bei Eisenach

Eine der ältesten und bedeutendsten Burgen Deutschlands steht auf einem Berg mitten im Thüringer Wald. Um das Jahr 1067 soll Graf Ludwig der Springer[1] diese Burg gegründet haben. Der 394 Meter hohe „Wartberg“ gehörte dem Landgrafen nicht, aber er wollte ihn unbedingt besitzen, um darauf die Burg zu bauen. So griff er zu einem Trick. Er ließ von seinem eigenen Grund und Boden Erde abtragen und auf den Berg schütten. Juristisch gesehen baute er nun auf „seinem“ Boden! Ob dies der Grund für den „Sachsenkrieg“ (1080) war, in den die Burg verwickelt wurde, ist nicht überliefert.

Ein Zentrum der Kultur

Schon bald wurde die Wartburg zum Zentrum einer bedeutenden höfischen[2] Kultur. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts förderte der Thüringer Herrscher Hermann I. die Kunst sehr. Bekannte Dichter wie Wolfram von Eschenbach[3] und Walter von der Vogelweide[4] wurden von ihm sehr geschätzt.

Der Sage nach fand auf der Wartburg 1207 der bekannte „Sängerkrieg“[5] statt. Hierbei sollten sich die Beteiligten darin überbieten, den Ruhm und Glanz des Kaisers zu besingen. Dem schlechtesten Sänger drohte die Todesstrafe.

Heilige Elisabeth und Martin Luther

Von 1211 bis 1228 lebte die „Heilige Elisabeth“[6] auf der Burg. Sie war eine sozial sehr engagierte Frau und kümmerte sich voller Hingabe[7] um kranke und arme Menschen. 300 Jahre später, 1521/22, übersetzte Martin Luther auf der Wartburg das Neue Testament vom griechischen Urtext in die deutsche Sprache. Da der Papst in Rom den Reformator für „vogelfrei“[8] erklärt hatte, hatte der befreundete Fürst Friedrich der Weise von Sachsen Luther durch einen Scheinangriff am 4. Mai 1521 auf die Burg entführt. Er ließ sich dort die Haare und einen Bart wachsen und nannte sich „Junker Jörg“.

Für die kommenden zehn Monate lebte und arbeitete er in einem kleinen und einfach eingerichteten Raum, den man später die „Lutherstube“ nannte. Nach nur zehn Wochen hatte er die eine erste Fassung des Neuen Testamentes übersetzt. Sprachwissenschaftlich hatte er damit den Grundstein für die heutige deutsche Sprache gelegt. Auch konnte nun jedermann Gottes Wort lesen und verstehen. Die Lutherbibel wurde schnell das „erste Buch des deutschen Volkes“. Am 1. März 1522 verließ Luther die Wartburg. Später hat er auch das Alte Testament übersetzt.

Das Wartburgfest

Im Dreißigjährigen Krieg (1618-48) diente die Burg der fürstlichen Familie als Schutz. Danach verfiel sie schnell. Erst 1777 „entdeckte“ Johann Wolfgang von Goethe sie wieder. Er regte[9] als Weimarer Minister die Einrichtung eines Museums an. Aber erst ein halbes Jahrhundert später entschloss sich die großherzogliche Familie, die Wartburg wieder herstellen zu lassen.

Am 18./19.10. 1817 fand das „Wartburgfest“ statt. Es wurde von der Jenaer Burschenschaft[10] veranstaltet. Etwa 500 Studenten aus elf deutschen Universitäten trafen sich zur Erinnerung an das Reformationsjahr[11] 1517 und die Völkerschlacht[12] bei Leipzig 1813. Es wurde zur Einheit und Freiheit Deutschlands aufgerufen.

Ende 1999 hat die UNESCO die Wartburg ins Weltkulturerbe der Menschheit aufgenommen.

Jörg Bauer

 

Weitere Informationen über die Wartburg
[1] Er stammt aus dem thüringischen Herrschergeschlecht der „Ludowinger“, die seinerzeit durch Rodungen, Landraub und Heiratspolitik ihre Macht und Einfluss im mitteldeutschen Raum schnell vermehrten.
[2] höfisch: (hier) der Kultur und den Idealen der ritterlichen Gesellschaft des Mittelalters entsprechend
[3] Mittelhochdeutscher Dichter, geboren um 1170/80, gestorben um 1220; neben Gottfried von Strassburg und Hartmann von Aue der bedeutendste Vertreter der mittelhochdeutschen höfischen Epik
[4] Mittelhochdeutscher Dichter, geboren um 1170, gestorben um 1230; galt schon zu seinen Lebzeiten (z.B. bei Gottfried von Strassburg) und das ganze Mittelalter hindurch bis zu den Meistersingern als einer der herausragenden Liederdichter.
[5] Der Sängerkrieg auf der Wartburg: um 1260/70 in Thüringen entstandene Sammlung mehrerer ursprünglich selbstständiger Gedichte in verschiedenen Strophenformen
[6] Sie war die Frau von Ludwig IV und Landgräfin von Thüringen.
[7] die Hingabe: der leidenschaftliche Einsatz, Eifer, mit dem man etwas tut, das einem sehr wichtig ist
[8] Jedermann konnte ihn ohne Strafe verfolgen und töten.
[9] etwas anregen: die Idee zu etwas geben
[10] Eine Studentenvereinigung, die mit ihrem Einheitsbund die kommende Einheit des deutschen Vaterlandes vorbereiten wollte. Als Bundesfarben wählten sie die Farben der Uniform des ehemaligen „Lützowschen Freikorps“, in dem viele Studenten am Krieg gegen Napoleon teilgenommen hatten: schwarz-rot-gold. Daraus wurden später die deutschen Nationalfarben.
[11] Am 31.10.1517 schlug Martin Luther 95 Thesen an die Tür der Pfarrkirche in Wittenberg. Dies gilt als der Beginn der Reformation, einer religiösen Erneuerungsbewegung, die zur Bildung der evangelischen Kirchen führte.
[12] In dieser Schlacht wurde Napoleon besiegt und Deutschland von der französischen Herrschaft befreit


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