Das Walberla

Ein weiter Blick

Man kommt ordentlich ins Schwitzen, wenn man das Walberla erklimmen will. Aber es lohnt sich: von dort oben wird dem Wanderer ein weiter Blick über Regnitz-, Ehrenbach- und Wiesental gewährt, sowie auf die mittelfränkische[1] Stadt Forchheim. Bei gutem Wetter kann man auch die Hochhäuser von Erlangen im Süden, sowie die Spitzen des Bamberger Doms im Norden erspähen. Im Frühjahr blickt man auf ein weißes Meer von Kirschblüten in den Kirschplantagen ringsum. Hier liegt das größte geschlossene Süßkirschenanbaugebiet Europas. Das Walberla gilt als Tor zur Fränkischen Schweiz[2].

Von Orchideen und Burgen

Eigentlich heißt dieser Tafelberg[3] „Ehrenbürg“, was wahrscheinlich so viel bedeutet wie „die Burg, die Schutz gewährt“, er besteht aus dem 532 m hohen Rodenstein und dem 512 m hohen Walberla, aber letzterer Name hat sich allgemein für die Erhebung eingebürgert. In einer Urkunde von 1768 heißt es erstmals „aufs Walberla gehen“ [4].

Der Bergrücken ist 1500 m lang und 300 m breit. Auf einem seltenen Trockenrasen wachsen Orchideen, deshalb ist die Gegend unter Naturschutz gestellt. Auf dem Rodenstein darf geklettert werden, auf dem Walberla ist es seit 1991 verboten.

Von der Jungsteinzeit[5] bis ca. 500 n. Chr. war die Ehrenbürg mit Unterbrechungen besiedelt. Noch heute sind die mächtigen Befestigungsanlagen der Kelten von 500 v. Chr. zu sehen, aber man hat bei Ausgrabungen auch Scherben aus viel früherer Zeit gefunden. Zur Zeit der Germanen, als die Römer Europa beherrschten, gab es auf dem Plateau[6] eine Burg.

Eine starke Frau

Auch religiös ist der Berg schon seit der Vorzeit bedeutungsvoll: die Kelten[7] nutzten ihn als Kultplatz[8], die Germanen als Heiligtum[9] und schließlich wurde er auch von den Christen genutzt. Dort, wo früher heidnische[10] Opfer gebracht wurden, steht heute die Walburgis-Kapelle. Die jetzige wurde im 17. Jahrhundert erbaut und ist der Walburga geweiht, die im 8. Jahrhundert aus dem heutigen England kam und mit ihren Brüdern als Missionare in Deutschland tätig wurde. Nach ihr ist wahrscheinlich auch „das Walberla[11]“ benannt.

Die Sage[12] erzählt, dass die Anhöhe von Hexen und Dämonen[13] besiedelt war, Walburga aber zwang diese, ihr beim Bau der Kapelle zu helfen. Als Entschädigung dürften sie dafür nun in der Walpurgisnacht am 30. April ihr Unwesen treiben.

An jedem 1. Mai, im Anschluss an die Walpurgisnacht, findet das Walberlafest statt. Es gilt als das älteste Frühlingsfest Deutschlands und war ursprünglich ein Opferfest für den germanischen Gott Wodan. Später wurde daraus ein Fest zu Ehren der Walburga, zu dem schon seit dem 9. Jahrhundert Menschen pilgerten. Am 1. Mai 2000 wurde vor der kleinen Kapelle eine Bronzestatue der Walburga eingeweiht. Dazu wurde ein ökumenischer[14] Gottesdienst gefeiert unter dem Motto: „Starke Frauen braucht das Land – Walburga, eine mittelalterliche Heilige und Frauen von heute.“ Wenn man bedenkt, dass diese Frau sogar das von ihrem Bruder Wunibald gegründete Männerkloster[15] Heidenheim leitete, zu einer Zeit, in der die meisten Frauen ungebildet waren und in ihren traditionellen Rollen leben mussten, versteht man die Vorbildfunktion der Walburga auch für Frauen von heute.

Bis heute ist das Walberla ein bei Touristen beliebtes Wanderziel. Die einen genießen die Sicht, die Ruhe und die Natur. Die anderen treiben dort Sport. Und für wieder andere ist es ein Ort der Inspiration und der Begegnung mit Gott.

Heike Tiedeck

Der Artikel erschien in „Der Weg“ 1/2010

 

[1] Mittelfranken ist ein Regierungsbezirk in Bayern um Nürnberg und Erlangen.
[2] Landschaft nördlich von Forchheim
[3] ein Berg, der oben platt und nicht spitz ist
[4] das bedeutet, dass die Studenten eine Wanderung auf diesen Berg machen wollten
[5] ab 4000 vor Christus
[6] eine Hochebene
[7] ein Stamm, der in verschiedenen Teilen Europas lebte, z.B. auch in Irland, Schottland, Wales, der Bretagne
[8] ein Ort, wo sie religiöse Handlungen vornahmen und ihren Göttern Opfer brachten
[9] ein heiliger Ort, wo man mit den Göttern in Kontakt treten wollte
[10] = nichtchristliche
[11] die fränkische Mundart verändert Namen und Worte
[12] eine Geschichte, die seit langer Zeit erzählt wird und wo nicht alles der Wahrheit entspricht.
[13] böse Geister
[14] von katholischen und evangelischen Christen gemeinsam (orthodoxe Christen gibt es nicht sehr viele in Deutschland)
[15] ein Haus, in dem unverheiratete Männer miteinander lebten, um Gott zu dienen durch Gebet und Arbeit. Es gibt auch Frauenklöster.


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