Deutschland von 1960-1970: Wohlstand und Protest

 

Am Anfang der 60er Jahre war die Bundesrepublik Deutschland politisch und wirtschaftlich ein stabiler Staat. Aus den Trümmern der Niederlage von 1945 war ein neues demokratisches Deutschland entstanden. Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte es durch die Mitgliedschaft in der NATO fest in die Gemeinschaft des Westens eingefügt. Er hatte alle Versuche Stalins zurückgewiesen, Westdeutschland zum Kommunismus herüberzulocken.

Die SPD („Sozialdemokratische Partei Deutschlands“) wäre allerdings gern auf Angebote des Ostens zu Gesprächen eingegangen. Aber sie war in der Opposition. Die Bundesrepublik wurde von der bürgerlichen CDU („Christlich-demokratische Union“) unter Adenauer zusammen mit der kleineren liberalen FDP („Freie demokratische Partei“) in einer sogenannten „Kleinen Koalition“ regiert. Die SPD war die zweite große Partei neben der CDU.

Infolge des „Wirtschaftswunders“ in den 50er Jahren herrschte Anfang der 60er Jahre Vollbeschäftigung. Der Wohlstand wuchs. Die „Soziale Marktwirtschaft“ hatte sich bewährt (sie bedeutet: freier Markt, freier Handel, aber mit sozialer Verantwortung, mit Fürsorge auch für die Ärmeren).

Kommunismus in Ostdeutschland

In Ostdeutschland, der DDR („Deutsche Demokratische Republik“), herrschte die SED („Sozialistische Einheitspartei Deutschlands“). Die Menschen wurden gezwungen, im Sinn des Kommunismus zu leben und zu denken. Wer das nicht tat, wie z.B. viele Christen, mußte Nachteile in der Schule oder auf dem Arbeitsplatz hinnehmen oder kam sogar ins Gefängnis.

In der DDR wurde die gesamte Wirtschaft vom Staat gelenkt. Deshalb wurde hier nicht so viel produziert wie in Westdeutschland, was einen erheblich niedrigeren Lebensstandard zur Folge hatte. Deshalb flüchteten jedes Jahr viele Tausende durch den Eisernen Vorhang in den „goldenen Westen“. So verlor die Wirtschaft der DDR viele wertvolle Arbeitskräfte.

Der Mauerbau

Adenauer und die CDU hofften, eines Tages den Kommunismus in der DDR beseitigen und die DDR mit der Bundesrepublik vereinigen zu können. Die USA unter ihrem neuen Präsidenten John F. Kennedy war jedoch nicht bereit, hierfür das Risiko eines Atomkrieges einzugehen. Die neue amerikanische Politik erkannte die „Koexistenz“ an, das heißt das Nebeneinander-Bestehen der beiden großen Machtblöcke des Westens und des Ostens.

Deshalb nahm die USA es hin, daß die DDR im August 1961 an der Grenze zur Bundesrepublik und um Westberlin herum eine hohe Mauer errichtete, damit niemand mehr aus der DDR fliehen konnte. Wer trotzdem versuchte, heimlich über die Mauer zu klettern, wurde von der Grenzpolizei erschossen. Der DDR blieben so viele gute Arbeitskräfte erhalten, und langsam zog auch dort ein bescheidener Wohlstand ein.

Große Koalition

1963 trat Adenauer als Bundeskanzler zurück. Sein Nachfolger wurde der bisherige Wirtschaftsminister Erhard, der sogenannte „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“.

Mitte der 60er Jahre kam es zum ersten Mal zu einem wirtschaftlichem Abschwung, einer Rezession. Als Folge davon stiegen Arbeitslosigkeit und die Preise; die Steuereinnahmen für den Staat gingen dagegen zurück. Die FDP wollte die Rezession anders bekämpfen als die CDU. Darüber zerbrach 1966 die Koalition.

Unter dem neuen Bundeskanzler Kiesinger bildeten CDU und SPD deshalb eine „Große Koalition“. Nur gemeinsam konnten die beiden großen Parteien die wirtschaftliche Rezession und einige andere wichtige Aufgaben bewältigen.

Man wollte jedoch nur einige Jahre zusammenbleiben. Denn wenn eine Regierung im Parlament keine starke Opposition hat, kann sie leicht ihre Macht mißbrauchen.

Schon nach zwei Jahren konnte die Große Koalition einen neuen wirtschaftlichen Aufschwung herbeiführen. Der Staat stellte mehrere Milliarden Mark für staatliche Aufträge, z.B. Bauten, zur Verfügung. Dadurch wurde die gesamte Wirtschaft neu in Gang gebracht.

Die Notstandsgesetze

Eine andere gemeinsam von der Großen Koalition zu lösende Aufgabe waren die Gesetze für den staatlichen Notstand, die „Notstandsgesetze“.

Die Bundesrepublik war zwar ein selbständiger Staat geworden. Aber die drei westlichen Siegermächte hatten bisher immer noch einige Rechte für sich behalten. Sie wollten in Krisensituationen das letzte Wort haben, wenn zum Beispiel große Unruhen in der Bundesrepublik ausbrechen würden oder diese von außen angegriffen würde. Die Westmächte hatten diese Rechte auch zum Schutz ihrer eigenen noch in der Bundesrepublik stationierten Truppen vorbehalten.

Die Deutschen wollten jedoch jetzt über alle Macht in ihrem Staat selber verfügen. Und nun waren die drei Siegermächte auch bereit, auf ihre letzten Rechte zu verzichten. Dazu mußten aber die Notstandsgesetze geschaffen werden. Diese erlaubten zum Beispiel dem Staat, in Krisensituationen Telefongespräche mitzuhören, Briefe zu öffnen und Zivilisten zu bestimmten Aufgaben zu zwingen.

Die Männer, die Deutschland nach 1945 regierten, wollten der Regierung viel Macht geben. Denn die demokratische Weimarer Republik (1919 -33) war daran zugrunde gegangen, daß der Staat die totalitären Nationalsozialisten und Kommunisten mit zu wenig Macht und Nachdruck bekämpft hatte. So etwas sollte sich nicht wiederholen.

Ein neues Denken entsteht

Während der 60er Jahre vollzog sich eine Veränderung im Denken vieler junger Menschen in der Bundesrepublik. Die Generation nach dem Krieg war ganz damit beschäftigt gewesen, Deutschland wieder aufzubauen. Als Tugenden galten deshalb Fleiß, Pflichterfüllung, Gehorsam, Achtung vor den öffentlichen Institutionen wie Schule, Polizei und Armee, Staat und Kirche. Auch in der Hitlerzeit davor (1933-45) waren die Deutschen zum Gehorsam erzogen worden.

In den 60er Jahren war jedoch eine neue Generation herangewachsen. Sie hatte den Untergang der Demokratie 1933 in Deutschland durch Hitler nicht selber miterlebt. Sie wollte nichts davon wissen, daß nur ein starker Staat Unheil durch radikale Gruppen und Parteien verhindern kann. Sie war im Wohlstand aufgewachsen und gewohnt, ihre Wünsche erfüllt zu bekommen.

Diese jungen Leute wollten sich deshalb den vielen älteren Menschen im Staat nicht mehr unterordnen. Sie hatten keine Achtung mehr vor den öffentlichen Autoritäten wie Schule, Polizei, Armee und Kirche. Sie wollten selber mitreden und mitbestimmen. Sie wollten soviel Freiheit wie möglich für sich haben. Sie verlangten überall im Staat nach Reformen.

Proteste

Schon seit Anfang der 60er Jahre war eine kritische Haltung in der deutschen Öffentlichkeit entstanden. Infolgedessen hatte man endlich begonnen, die Naziverbrecher, soweit man sie verhaften konnte, gerecht zu bestrafen.

Auch die von der Regierung geplanten Notstandsgesetze wurden in der Öffentlichkeit heftig bekämpft. Man meinte, damit würde der Staat zuviel Macht bekommen. Die Gesetze wurden dann trotzdem 1968 von der Großen Koalition beschlossen. Denn sie waren keine Gefahr für die Freiheit des einzelnen. Dafür hatte die SPD gesorgt. Und der Staat braucht für den Fall eines Bürgerkriegs oder Kriegs diese Gesetze.

Auch gegen den Vietnamkrieg der Amerikaner wurden in der Öffentlichkeit von der Jugend große Demonstrationen durchgeführt.

Die außerparlamentarische Opposition

Ihren Höhepunkt erreichte die Protestbewegung der Jugend in den Jahren 1968/69. Es bildete sich die sogenannte „Außerparlamentarische Opposition“, die APO; außerparlamentarisch deshalb, weil auf der Straße, außerhalb des Parlaments, des Bundestags.

Die Anführer der Protestbewegung waren die Studenten. Sie forderten mehr Mitbestimmung an den Universitäten. Sie zwangen die Professoren in den Vorlesungen, über ihre Forderungen zu diskutieren. Sie störten oder verhinderten Vorlesungen durch die Besetzung von Räumen. Manchmal zerstörten sie auch Büroräume an Universitäten oder in Redaktionen von konservativen Zeitungen.

Durch das alles wollten sie ihren Protest gegen die Reichen und Besitzenden, gegen das „Establishment“, zum Ausdruck bringen. Häufig vertraten sie auch marxistische Ansichten. Sie forderten Enteignung der Reichen und Mächtigen. Allen Menschen sollte es gutgehen.

Bei Straßenschlachten zwischen Demonstranten und Polizei kamen damals in Deutschland mehrere Menschen ums Leben, viele wurden verletzt.

Schon 1969 löste sich die APO wieder auf. Sie konnte keine Revolution in Deutschland entfesseln. Aber sie hat das Denken vieler jüngerer Menschen damals geprägt. Diese haben später in ihren Berufen ihre Ansichten verbreitet und im Rahmen ihrer Möglichkeiten in die Tat umgesetzt und so ein neues Denken in Deutschland hervorgerufen. Das hat bis heute zu vielen Reformen geführt. Wir nennen solch eine Veränderung des Denken und Lebens eine „Kulturrevolution“.

Zuviel Freiheit führt zum Egoismus

Die 60er Jahre sind deshalb ein wichtiger Wendepunkt in Deutschland (und ähnlich auch in anderen westlichen Ländern). Seitdem stehen die Menschen in Deutschland dem Staat mehr oder weniger kritisch gegenüber. Sie sagen offen ihre Meinung. Sie kämpfen für ihre vermeintlichen Rechte durch Demonstrationen und manchmal auch Gewaltanwendung. Seitdem fordern die Menschen soviel Freiheit für sich wie möglich. Ihr persönliches Wohlergehen ist ihnen am wichtigsten. Ihr „Ich“ steht für sie im Mittelpunkt. Das jedoch führt zum Egoismus (ich in lateinisch ego, daher Egoismus).

So nimmt seitdem in Deutschland die Bereitschaft ab, Opfer für andere zu bringen, sich einzusetzen für die Gemeinschaft und den Staat mit seinen nützlichen, das Leben sichernden Ordnungen. Man strebt nach „Selbstverwirklichung“. Man will möglichst viel Gewinn für sich selber sichern.

Zwar kann man verstehen, daß die Jugend in den 60er Jahren mehr Möglichkeiten zum Mitarbeiten und Mitbestimmen haben wollte. Manches ist durch ihren Protest im öffentlichen Leben lebendiger, ehrlicher, besser geworden. Aber die Kulturrevolution der 60er Jahre hat den Charakter der Deutschen, aufs ganze gesehen, zum Schlechteren hin verändert.

Schuld an dem Aufstand der Jugend hatte auch die ältere Generation. Sie wollte ihre Macht nicht aus der Hand geben (Adenauer war bei seinem Rücktritt 1963 bereits 87 Jahre alt!). Sie lehnte Reformen ab.

Der Apostel Paulus schreibt: Wie die Glieder eines Körpers sollen in der christlichen Gemeinde Alte und Junge zusammenarbeiten. Denn beide können sich gut ergänzen: Die Älteren haben mehr Erfahrung und Lebensweisheit, die Jüngeren mehr Einsatzbereitschaft und Wagemut.

Hans Misdorf


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