Die Hanse – Globalisierung im Mittelalter ***

Wir sprechen heute viel von Globalisierung. Wir meinen damit den wirtschaftlichen, politischen oder kulturellen Zusammenschluss von Gebieten unserer Erde. Aber auch früher gab es schon solche Globalisierungen. So z.B. die Hanse[1].

Die Hanse war eine Organisation von niederdeutschen Kaufleuten, der im Mittelalter rund 70 große und 100 bis 130 kleinere Städte angehörten. Diese Städte lagen in einem Gebiet, das heute sieben europäische Staaten umfasst: von der niederländischen Zuidersee im Westen bis zum baltischen Estland im Osten und vom schwedischen Visby im Norden bis zur Linie Köln-Erfurt-Breslau-Krakau im Süden. Aus diesem Raum heraus erschlossen sich die hanseatischen Kaufleute einen wirtschaftlichen Einflussbereich, der im 16. Jahrhundert von Portugal bis Russland und von den skandinavischen Ländern bis nach Italien reichte, ein Gebiet, das heute 20 europäische Staaten einschließt.

In ihrer Blütezeit war die Hanse so mächtig, dass sie zur Durchsetzung ihrer wirtschaftlichen Interessen Wirtschaftsblockaden gegen Königreiche und Fürstentümer verhängte und im Ausnahmefall sogar Kriege führte.

Die Kaufleute transportierten ihre Waren meist auf dem Seeweg über die Ost- und Nordsee. Ihre breit gebauten Schiffe, die „Koggen“, mit einem starken, hohen Mast, konnten viele Waren aufnehmen.

Die hanseatischen Kaufleute brachten aus dem Osten Rohstoffe nach Westeuropa und lieferten von dort Fertigwaren nach Osteuropa. Oder sie bezahlten die Waren mit Silbergeld aus Deutschland. So holten die Schiffe der Hanse z.B. aus Russland Pelze, Wachs und Bauholz. Wachs war wichtig für die Herstellung von Kerzen. Aus Schweden bezogen sie Roheisen. Diese Erzeugnisse tauschten oder verkauften sie in England und Flandern gegen feine Tuche, Eisenwaren oder Luxusgüter aus Südeuropa. Vor der Südküste Schwedens, wurden viele Heringe gefangen. Sie waren getrocknet als Fastenspeise in ganz Europa begehrt.

Die Kaufleute waren mutige Unternehmer. Nicht selten gingen Schiffe durch Sturm oder Seeräuber verloren. Aber die Hansestädte wurden durch den Handel reich. Wichtige Hansestädte waren Lübeck, Hamburg, Bremen, Dortmund, Köln. Manche Städte entwickelten sich auch erst durch den Handel der Hanse wie z.B. Riga und Dorpat[2].

Nur Städte im damaligen Deutschen Reich gehörten zur Hanse. Im Ausland hatte die Hanse zentrale Umschlagplätze[3], sogenannte „Kontore“, in Brügge/Flandern, in London (Stalhof), in Bergen/Norwegen und in Nowgorod/Russland (St. Peterhof). Dort hatten die deutschen Kaufleute Privilegien wie eigene Gebäude, Steuer- und Zollfreiheit oder ein eigenes deutsches Gericht. Daneben unterhielt die Hanse von Russland bis nach Portugal über halb Europa verteilt zahlreiche kleinere Niederlassungen.

Im 12. und 13. Jahrhundert, hatten sich zunächst nur Kaufleute zum Schutz ihrer Handelsinteressen im Ausland zusammengeschlossen. 1356 erfolgte zum ersten Mal ein Zusammenschluss von Städten zum Hansebund. In diesem Jahr begehen wir also das 650. Jubiläum der Hanse. Zu den Hanse-Tagungen kamen die Abgesandten der Städte gewöhnlich in Lübeck zusammen.

Um 1400 war die Hanse am stärksten. Im 16. und 17. Jahrhundert verlor sie langsam ihre Macht. Die Fürsten unterwarfen sich die Städte, der Atlantikhandel nahm immer mehr zu. Heute erinnern an die Hanse nur noch die mächtigen Kirchen und Rathäuser z. B. in Lübeck, Bremen und Danzig, sowie Namen wie die „Lufthansa“ und der Zusatz „H“ für „Hansestadt“ auf den Autokennzeichen von Hamburg, Lübeck, Bremen und Rostock.

Hans Misdorf

Der Artikel erschien in „Der Weg“ 2/2006

[1] Hanse: Kaufmannsgilde, Genossenschaft (von althochdeutsch hansa?= Kriegerschar, Gefolge)
[2] heute: Tartu (Estland)
[3] der Umschlagplatz: Platz, Ort, an dem Waren von einem Fahrzeug auf ein anderes verladen werden


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