Bautzen – Ein Schnittpunkt deutsch-slawischer Kultur ****

Geschichte

Die Stadt Bautzen, zwischen Dresden und Görlitz in der Oberlausitz gelegen, ist eine der ältesten Siedlungen Europas. Archäologen sind bei Ausgrabungen auf ein Frauengrab aus der frühen Bronzezeit (1800-1500 v. Chr.) gestoßen und haben etwa 300 Bernsteinperlen aus diesem Grab geborgen. Um 500 nach Chr. siedelten sich in diesem Gebiet die Sorben, ein slawischer Volksstamm, an, die sich nach langen Kämpfen der Ostexpansion germanischer Stämme beugen[1] mussten. Jedoch blieben die Sorben weiterhin in der Oberlausitz wohnen. Die Germanen errichteten die Grenzfestung „Ortenburg“. Im Zusammenhang damit wird im Jahre 1002 erstmalig der Name „Budisin“ (Bautzen) erwähnt. Begünstigt durch die geographische Lage am Schnittpunkt bedeutender Handelsstraßen begann bereits um 1200 die planmäßige

Anlage einer Siedlung, die im Jahr 1213 vom böhmischen König Ottokar I. das Stadtrecht erhielt. Rasch entwickelte sich Bautzen zu einer reichen Handelsstadt mit Manufakturen für Stoffe und Leinenweberei. Jedoch hatte der Dreißigjährige Krieg schlimme Auswirkungen auf die Stadt. Bautzen wurde 1620 durch Kurfürst Johann Georg von Sachsen und 1634 durch Wallenstein[2] in Brand gesteckt und vollständig zerstört. Das einstmals so reiche Bürgertum verarmte völlig. Der Wiederaufbau der Stadt nahm fast 200 Jahre in Anspruch, aber Bautzen erlangte nie wieder die Bedeutung eines blühenden Handelszentrums. Auch in den folgenden Jahrhunderten blieb Bautzen von Kriegen nicht verschont.

Kaiser Napoleon schlug 1813 bei Bautzen eine seiner letzten siegreichen Schlachten. Bis in die jüngste Vergangenheit war Bautzen Schauplatz heftiger Kriege. So wurde die Stadt im April 1945 kurz vor Ende des 2. Weltkrieges zur Festung erklärt [3] und aufgrund dieser militärisch völlig sinnlosen Operation schwer zerstört.

Die Altstadt und ihre Sehenswürdigkeiten

Der Grundriss der denkmalgeschützten Altstadt entspricht auch heute noch dem mittelalterlichen Städtebild aus der Zeit von 1648. Der prächtigste Bau in der Altstadt ist wohl der gotische Dom St. Petri aus dem 13. Jahrhundert, der zu Sachsens bedeutendsten Kirchen gehört. Das einzigartige Sternengewölbe im Mittelschiff, das Langhaus mit auffallend schlanken Pfeilern, das kunstvoll geschnitzte Chorgestühl und die mächtige Orgel mit 400 Pfeifen machen ihn zu einem architektonischen Kleinod[4] von außergewöhnlicher Schönheit. Seit 1524 ist der Dom Simultankirche[5]: Im Chorraum findet der katholische Gottesdienst statt, der vorwiegend von sorbischen Christen besucht wird, im Langhaus des Domes feiern die protestantischen Christen ihren Gottesdienst. So ist der Dom Symbol für das friedliche Miteinander und für die geistliche Toleranz von Sorben und Deutschen.

Die auf einem Granitfelsen über der Spree gelegene Ortenburg ist das älteste Gebäude und zugleich Wahrzeichen der Stadt. Im Dreißigjährigen Krieg verwüstet, wurde die Burg unter dem ungarischen König Matthias Corvinus, der seit 1469 Herrscher der Lausitz war, wieder aufgebaut.

Auf dem Gelände der Burg befindet sich ein technisches Kunstwerk aus dem Jahr 1588, die „Alte Wasserkunst“: ein 50 m hoher Turm, der Teil der Wehranlage[6] der Burg war und gleichzeitig dazu diente, Wasser aus der Spree auf das Burggelände zu leiten. Dieses technische Meisterwerk mit Pumpanlage ist noch voll funktionsfähig und wird den Touristen vorgeführt.

Eine weitere Besonderheit in der Stadt ist der Reichenturm aus dem 15. Jahrhundert. 1620 zerstört, wurde er im 18. Jahrhundert wieder aufgebaut. Jedoch scheint er beim Bau etwas „aus dem Lot geraten“ zu sein, er neigt sich 1,44 m nach Nordwesten, so dass er als der „schiefe Turm von Bautzen“ gilt.

In den letzten 15 Jahren hat sich Bautzen mehr und mehr zum Touristenmagneten entwickelt. Menschen von nah und fern bewundern die schönen Renaissance-Bürgerhäuser mit ihren reich geschmückten Fassaden und den bunten Blumen- und Früchteornamenten.

Alltag, Feste und Bräuche

In den schmalen Gassen der Altstadt herrscht das ganze Jahr über reges Treiben: Das Stadtfest „Bautzener Frühling“ mit Musik, Theater und Lesungen, der „Bautzener Musiksommer“ und die Bautzener Theatertage locken Zehntausende Touristen in die Stadt.

Zweisprachige Beschriftungen in Sorbisch und Deutsch an allen öffentlichen Gebäuden der Stadt, zweisprachige Straßenschilder und Wegweiser sind bis heute eine Besonderheit in Bautzen wie im Gebiet der gesamten Lausitz. Für die Erhaltung des sorbischen Kulturgutes sorgen in Bautzen eine sorbische Tageszeitung, eine sorbische Rundfunkanstalt, das Deutsch-Sorbische Theater und ein sorbisches Gymnasium. Die sorbische Kultur wird auch durch eine lebendige Folklore bewahrt. An Festtagen tragen die Frauen und Kinder wunderschöne Trachten[7] in leuchtenden Farben mit reichen Stickereien und langen, dunklen Kopfschleifen.

Auch typische sorbische Bräuche haben sich über die Jahrhunderte erhalten. So wird am 25. Januar die „Vogelhochzeit“ gefeiert. Kinder stellen – als Vögel verkleidet – Teller mit Nüssen und Süßigkeiten auf die Fensterbretter der Häuser als Ausdruck des Dankes, dass die Menschen im Winter die Tiere gefüttert und versorgt haben.

Weit verbreitet ist der Brauch zum Osterfest, Ostereier bunt zu bemalen. Von Ort zu Ort herrscht ein Wettstreit um das schönste Osterei. Höhepunkt des Osterfestes ist das „Osterreiten“ am Ostersonntag. Dieser Brauch stammt aus dem Mittelalter. Seit dieser Zeit reiten junge Männer von Dorf zu Dorf, von Bauernhof zu Bauernhof und bringen den Menschen die frohe Botschaft von der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus. An dem Ritt um die Felder in jedem Dorf auf geschmückten Pferden nehmen alljährlich etwa 1000 Reiter teil.

Der Artikel erschien in „Der Weg“ 2/2011

 

[1] sich ergeben
[2] berühmter Feldherr im 30-jährigen Krieg
[3] auf Befehl Hitlers durften sich Städte, die zur Festung erklärt wurden, nicht ergeben
[4] ein besonders kostbares Gebäude
[5] Die Kirche in Bautzen wird gleichzeitig von evangelischen und katholischen Christen genutzt.
[6] ein Schutzwall
[7] eine besondere Kleidung, die an eine Region gebunden ist


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