Berlin – Immer eine Reise wert (IV)

Willkommen zum zweiten Teil unserer Stadtrundfahrt! Bevor wir aber unsere Stadtrundfahrt fortsetzen, wollen wir noch einen kurzen Blick auf die Bevölkerung der Millionenstadt werfen. Menschen aus allen deutschen Regionen und den Nationen der Welt leben hier. Es gibt kaum einen deutschen Dialekt [1] und kaum eine fremde Sprache, die in Berlin nicht zu hören ist. Menschen aller Hautfarben begegnen einem, und man hört die Sprachen aller Kontinente und Staaten; dabei aber wohl am meisten das Türkische. Man sagt, Berlin sei die drittgrößte türkische Stadt nach Istanbul und Ankara.

Gendarmenmarkt mit Französischem Dom (Bild: Der Weg)

Gendarmenmarkt mit Französischem Dom (Bild: Der Weg )

Eine offene Stadt

Berlin war immer eine offene Stadt für Menschen, die in ihrer Heimat aus politischen, religiösen oder wirtschaftlichen Gründen nicht mehr leben konnten. Aber auch für die, die in dieser Stadt eine neue Existenz gründen wollten oder die sich vom wirtschaftlichen Aufschwung[2] in den 60er Jahren als Gastarbeiter hierher anwerben [3] ließen. Unter den vielen unterschiedlichen Menschen findet man manchmal noch einen waschechten[4] Hauptstädter. Sein Erkennungszeichen ist die berühmte Berliner Schnauze[5], ein Markenzeichen für Schlagfertigkeit durchmischt mit Durchsetzungsvermögen und Gefühl. Den eigentlichen Berliner Dialekt hört man allerdings überwiegend im Ostteil der Stadt, wo die Berliner selbst in der Vergangenheit immer in der Überzahl waren.

 

Brandenburger Tor und „Unter den Linden“

Bus der Linie 100 (Bild: Der Weg)

Bus der Linie 100 (Bild: Der Weg ) 

Und nun wieder herzlich willkommen im „Rundfahrtbus“ der Linie 100. Der Bus durchquert das Symbol der Stadt, das Brandenburger Tor. Zwischen 1788 und 1791 wurde es als Pforte nach Westen von dem Baumeister C.G. Langhans erbaut und mit der berühmten Quadriga [6] der Siegesgöttin von J.G. Schadow gekrönt. Während der DDR-Zeit war das Tor ein trauriges und schreckliches Mahnmal [7] der Trennung. Wie gut, daß das heute nicht mehr so ist.

Wir durchfahren die einstige Prachtstraße von Berlin „Unter den Linden“. Der Große Kurfürst(1640 – 1688) hatte sie einst anlegen lassen als Reitweg vom Stadtschloß in sein Jagdrevier im Tiergarten. Er hatte sie mit sechs Reihen Linden und Nußbäumen bepflanzen lassen. Gesäumt [8] wird die Straße auch heute noch von herrlichen Gebäuden wie dem Zeughaus aus dem Jahr 1695, in dem sich das Deutsche Historische Museum im Aufbau befindet.

Dann sehen wir die Deutschen Staatsoper, die fünfzig Jahre jünger ist und die Humboldt-Universität, in der berühmte Männer gelehrt haben wie der Philosoph Hegel, die Gebrüder Grimm, Albert Einstein, Robert Koch, Max Planck und der Mediziner Ferdinand Sauerbruch. Eigentlich müßten wir diese Straße zu Fuß gehen, um Zeit zu haben die Neue Wache des Baumeisters Karl Friedrich Schinkel, das 14 Meter hohe Reiterstandbild Friedrichs des Großen (1740 – 1786) und all das andere Schöne auch genießen zu können.

Museumsinsel und Dom

Berliner Dom (Bild: Der Weg)

Berliner Dom (Bild: Der Weg )

Zum Glück muß der Bus auf der wunderschönen Schloßbrücke für ein paar Minuten anhalten. So können wir den Blick über den Spreearm genießen, der die sogenannte Museumsinsel [9] nach Westen begrenzt und auf dem weiße Ausflugsschiffe ihre Bahn ziehen. Auf der Museumsinsel sind mehrere Museen versammelt mit dem Schwerpunkten Archäologie[10] und Antike. Das größte und bedeutendste von ihnen ist das Pergamonmuseum.

Auf der östlichen Seite der Museumsinsel sehen wir rechts eins der häßlichen und wenig ruhmreichen Gebäude an unserer Route: den „Palast der Republik“. Hier residierte [11] einst das Parlament der ehemaligen DDR. Hier beschloß 1990 das erste frei gewählte Parlament des kommunistischen deutschen Staates den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland. Den 1894-1905 erbauten Berliner Dom sehen wir schräg gegenüber. Dieser größte Kirchenbau Berlins wurde 1993 nach 18jähriger Renovierung [12] neu eröffnet. Das mächtige Gebäude hat innen und außen viel für das Auge zu bieten, z.B. die Tauf- und Traukirche der Hohenzollern [13], die Prunksarkophage[14] des Großen Kurfürsten und seiner Frau oder die Hohenzollerngruft [15] mit den Särgen der Familien dieses Fürstengeschlechts.

Fernsehturm und Alexanderplatz

Alexanderplatz (Bild: Der Weg)

Alexanderplatz (Bild: Der Weg )

Auf dem weiteren Weg unseres Busses fasziniert uns der Blick auf den 365 Meter hohen Fernsehturm am Alexanderplatz. Er wurde 1969 als Gegenstück zum Westberliner Funkturm erbaut. Wenn die Sonne auf die glänzende Außenhaut der Aussichtskuppel [16] scheint, zeigt sich jedesmal ein weithin sichtbares Kreuz. Das war für die Machthaber der DDR ein großes Ärgernis. Sie leugneten [17] doch die Existenz Gottes und des Retters Jesus Christus. Alle Versuche, das Kreuz zu beseitigen, schlugen allerdings fehl [18].

Einen Steinwurf entfernt befindet sich die älteste erhaltene Berliner Kirche, die Marienkirche. Hier verlassen wir noch einmal den Bus. Der 1805 zu Ehren Zar Alexanders I. von Rußland so benannte Alexanderplatz („Alex“) hat viel an Reiz verloren, seitdem er nicht mehr das Stadtzentrum der ehemaligen Hauptstadt der DDR ist. In einigen Jahren wird der Platz nach umfangreichen Bauarbeiten wohl ein ganz neues Gesicht haben. Ob wir eine Auffahrt auf den benachbarten  Fernsehturm wagen? Pech! Auch hier stehen die Leute Schlange. Das Warten würde zuviel Zeit in Anspruch nehmen, wenngleich der Blick vom rotierenden „Telecafé“ in 207 Meter Höhe über die Stadt wunderschön ist. So gehen wir lieber die wenigen Schritte durch eine kleine parkähnlich Fußgängerzone hinüber zum Roten Rathaus. Es hat seinen Namen von dem auffallend roten Backstein [19], aus dem es zwischen 1860 und 1870 gebaut wurde. Es ist heute Sitz Regierenden Bürgermeisters von Berlin.

Neptunbrunnen und Nikolaiviertel

Am Neptunbrunnen, einem der schönsten Brunnen von ganz Berlin, entschließen wir uns, unsere Rundfahrt nun doch abzubrechen. Viel gäbe es noch zu sehen. So wäre ein Besuch von Berlins schönstem Platz, dem Gendarmenmarkt [20] mit dem ehemaligen Schauspielhaus und dem deutschen und französischen Dom sicher reizvoll. Auch der jüdische Friedhof wäre noch einen Besuch wert. Er ist der größte jüdische Friedhof Europas, ein Mahnmal und zugleich ein beeindruckendes Denkmal für die jüdische Vergangenheit Berlins.

Wir gehen lieber hinüber ins Nikolaiviertel, wo sich einst Berlins älteste Ansiedlung befand. Leider wurden die historischen Gebäude im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört. Aber das Viertel wurde sehr reizvoll nostalgisch [21] wieder aufgebaut. Im „Reinhard’s“, einem bekannten Lokal des Viertels, stärken wir uns bei schmackhaften Berliner Spezialitäten, ehe wir an unsere Buslinie zurückkehren und uns zu unserem Ausgangspunkt zurückbringen lassen. Schön war’s. Wir werden später sicherlich noch einmal wiederkommen um zu sehen, was sich in Berlin alles getan hat. Berlin ist immer eine Reise wert!

Lothar von Seltmann

 

Weitere Informationen über Berlin

 

[1] der Dialekt: die Variante einer Sprache, aus der man die (geographische) Herkunft des Sprechers erkennen kann; Mundart
[2] der Aufschwung: eine Verbesserung bes. der wirtschaftlichen Lage
[3] jmdn. anwerben: jmdm. einen Arbeitsplatz anbieten
[4] waschecht: original, unverfälscht
[5] Berliner Schnauze: Berliner Mundwerk; Berliner Art zu reden
[6] die Quadriga: ein Gespann von vier Pferden, das von einem offenen Wagen aus gelenkt wird
[7] das Mahnmal: Statue, Inschrift o.ä., die dazu dient, die Menschen an etwas Schlimmes zu erinnern, von dem man möchte, daß es nicht wieder geschieht
[8] etw. säumen: viele Menschen/Dinge stehen am Rand einer Fläche oder Straße
[9] die Museumsinsel: eine von zwei Armen der Spree umschlossene Insel, auf der sich mehrere Museen befinden
[10] die Archäologie: die Wissenschaft, die sich mit ausgegrabenen Überresten wie z. B. Statuen, Vasen und Werkzeugen aus vergangenen Zeiten beschäftigt, um damit frühere Kulturen zu erforschen
[11] residieren: wohnen (und regieren)
[12] die Renovierung: die Erneuerung und Instandsetzung kaputter Dinge
[13] die Hohenzollern: deutsches Fürstengeschlecht aus Süddeutschland; Stammburg Hohenzollern bei Hechingen in der Schwäbischen Alb; die Hohenzollern verdrängten die Habsburger aus Deutschland
[14] der Prunksarkophag: besonders wertvoller Sarg aus Stein
[15] die Gruft: Grab, Grabkammer
[16] die Kuppel: ein Dach, das (wie eine Halbkugel) gewölbt ist
[17] leugnen: sagen, daß das, was ein anderer von einem behauptet, nicht wahr ist; abstreiten, etw. von sich weisen
[18] fehlschlagen: nicht gelingen, ein Mißerfolg sein
[19] der Backstein: ein rechteckiger, mst. rötlicher Stein, den man zum Bauen verwendet; Ziegel
[20] [scho:(n)darm] frz. Polizist
[21] die Nostalgie: Sehnsucht nach Vergangenem; nostalgisch: von dieser Sehnsucht erfüllt


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