Nürnberg – die alte Reichsstadt

Die zweitgrößte Stadt des deutschen Bundeslandes Bayern und Metropole des Frankenlandes feiert in diesem Jahr ihren 950. Geburtstag. Im Jahre 1050 wurde sie zum ersten Mal in einer Urkunde erwähnt. Diese berichtet davon, daß die vormals leibeigene[1] junge Frau Sigena in die Freiheit entlassen wurde. Mit diesem denkwürdigen[2] Ereignis trat Nôrenberc, das spätere Nürnberg, in das Licht der Geschichte. Aus einer kleinen Siedlung an den Ufern des Flüßchens Pegnitz wurde schon im Mittelalter eine „Großstadt“ mit ca. 50.000 Einwohnern. 1219 wurde sie durch den „großen Freiheitsbrief“ Kaiser Friedrich II. (1194 – 1250) zur Freien Reichsstadt.

Eine Stadt, die Geschichte schrieb

In Nürnberg ist deutsche Geschichte geschrieben worden, besonders auf der Burg, die sich auf einem Sandsteinfelsen über der Stadt erhebt. Seit ihrem Entstehen in der Mitte des 12. Jahrhunderts – als ihr Bauherr gilt Kaiser Friedrich I. Barbarossa (= Rotbart; ca. 1123 – 1190) – haben auf der Nürnberger Burg 32 Kaiser und Könige residiert[3], Herren des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Im sogenannten Dritten Reich erhielt Nürnberg traurige Berühmtheit. Die Nationalsozialisten machten die Stadt zum Ort ihrer Reichsparteitage[4] und zur Verkündigung der schlimmen Rassengesetze[5]. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden hier die Prozesse gegen die größten deutschen Kriegsverbrecher statt, die „Nürnberger Prozesse“.

Romantische Altstadt – aus Trümmern erstanden

Nach diesen Zeiten wurde es relativ still um das frühere Zentrum des Deutschen Reiches. Heute ist Nürnberg „nur noch“ eine kreisfreie Stadt mit ca. 500 000 Einwohnern und zugleich Kreisstadt im bayerischen Regierungsbezirk[6] Mittelfranken (Hauptstadt Ansbach). Dabei ist die Altstadt, die im Zweiten Weltkrieg weitgehend den Bombenangriffen der Alliierten[7] zu Opfer gefallen war, nach ihrem Wiederaufbau heute wieder so etwas wie des „Deutschen Reiches Schatzkästlein“.

In anderen europäischen Großstädten wurden bereits im 19. Jahrhundert die überflüssig gewordenen Stadtmauern geschleift[8], oder sie wurden nach Zerstörungen nicht wieder aufgebaut. Auch als Nürnberg nach dem Zweiten Weltkrieg so zerstört war, wollte der Rat sogar zuerst die Stadt an anderer Stelle wieder aufbauen. Aber es kam anders, und aus dem Bombenschutt[9] wurde das mittelalterliche Stadtbild einschließlich seiner umgebenden Mauer und ihren Türmen und Toren weitgehend wieder hergestellt.

Von der Kaiserburg aus, dem Nürnberger Wahrzeichen, hat man einen wunderschönen Blick auf das historische Zentrum. Deutlich erkennbar ist die Sebaldus- und die Lorenzkirche, die aus einem Meer steiler Dächer herausragen. Eins dieser Dächer gehört dem nach dem Krieg originalgetreu wiederhergestellten Albrecht-Dürer-Haus.

Ein Zentrum von Kunst und Kultur

In Nürnberg ist nicht nur deutsche Geschichte geschrieben worden, sondern hier war auch ein Zentrum deutschen Kunst- und Kulturschaffens. Drei Namen sollen stellvertretend für viele andere genannt werden: Da gab es den Bildhauer, Kupferstecher[10] und Maler Veit Stoß (ca. 1445 – 1533), dessen berühmte Schnitzwerke „Englischer Gruß[11]“ in der Lorenzkirche und „Kreuzigung“ in der Sebalduskirche zu bewundern sind. Da war Albrecht Dürer (1471 – 1528), der fast zwei Jahrzehnte in Nürnberg wohnte und zu Recht als der größte deutsche Zeichner, Maler und Kupferstecher gepriesen[12] wird. Sein Werk umfaßt etwa 70 Gemälde, 100 Kupferstiche, 350 Holzschnitte[13] und 900 Handzeichnungen. Dürers „Betende Hände“ hängen in beinahe jedem frommen Haus. Und da war Hans Sachs (1494 – 1576), der hervorragend dichtende Schuhmacher, von dem ca. 1700 Schwänke[14], 200 Bühnenspiele und 4000 Meisterlieder erhalten sind.

Noch heute besitzt Nürnberg mit dem 1852 gegründeten Germanischen Nationalmuseum die größte Sammlung von Zeugnissen aus der Geschichte der deutschen Kunst und Kultur. Tagelang kann man durch die weitläufigen Ausstellungsräume gehen, und man sieht sich dennoch niemals satt an den zahllosen Gemälden, Möbeln, Musikinstrumenten und Skulpturen[15]. Übrigens besitzt die Stadt noch andere wichtige Museen. Kinder und jüngere Leute bekommen leuchtende Augen, wenn sie das Spielzeugmuseum besuchen, und Technikfreunde werden sich im Verkehrsmuseum oder dem „Centrum Industriekultur“ begeistert den Ausstellungsstücken hingeben.

Nürnberger Tand[16]

Noch ein kleines Stadtkapitel. Schon im Mittelalter liefen in Nürnberg zwölf Handels- und Fernstraßen zusammen. Der ,Nürnberger Witz’, d.h. der Erfindergeist, hatte in ganz Europa Rang und Namen[17]. So wurde 1390 an der Pegnitz die erste Papiermühle nördlich der Alpen errichtet, hier wurde der Globus[18] erfunden und Peter Henleins berühmtes „Nürnberger Ei“, die erste Taschenuhr. Zwischen Nürnberg und der Nachbarstadt Fürth fuhr 1835 die erste Eisenbahn auf dem europäischen Kontinent. „Nürnberger Tand geht durch alle Land“. Noch heute zeugt dies Sprichwort davon, daß Nürnberger Waren und Erzeugnisse auf allen bedeutenden Märkten Europas angeboten wurden.

Industriestadt mit „Geschmack“

Das moderne Nürnberg, seit der Reformation[19] eine überwiegend evangelische Stadt, ist heute ein Wirtschaftszentrum für Produkte der Elektroindustrie (z.B. Siemens), des Fahrzeug- und Büromaschinenbaus (z.B. MAN), der Herstellung aller möglichen Schreibartikel (z.B. Faber-Castell, Staedtler, Schwan) usw.

Übrigens: Wer Nürnberg besucht – und das nicht unbedingt nur zur Vorweihnachtszeit, wenn Tausende aus der ganzen Republik den traditionellen Christkindlesmarkt überfluten -, sollte es nicht versäumen[20], die berühmten Bratwürste zu probieren, deren Duft einem überall in der Stadt in die Nase steigt, und dazu eins der Nürnberger Biere kosten[21]. Er sollte auch nicht vergessen, für die Heimreise als Proviant[22] eine Dose der ebenso berühmten Lebkuchen[23] mitzunehmen. Sie sind schon lange eine schmackhafte Visitenkarte der Jubiläumsstadt.

Lothar von Seltmann

Weitere Informationen über Nürnberg

 

[1] leibeigen: jemand ist nicht sein eigener Herr, sondern er gehört mit Leib und Leben einem anderen
[2] denkwürdig: so wichtig, daß man es nicht vergessen sollte
[3] residieren: seinen Wohnsitz haben (als Fürst oder Regierender)
[4] der Parteitag: Hauptversammlung der Mitglieder einer politischen Partei
[5] Die Nürnberger (Rassen)Gesetze unterdrückten alles, was nicht deutsches Blut hatte und verboten die Vermischung deutschen Blutes mit fremdem.
[6] Kreise und Regierungsbezirke sind kommunale Verwaltungseinheiten in den deutschen Bundesländern
[7] alliiert: verbündet; die Alliierten = die im Krieg gegen Deutschland verbündeten Staaten
[8] schleifen: hier: zerstören, abbrechen, dem Erdboden gleich machen
[9] der Schutt: Steine, Reste von Mauern usw., die man nicht mehr braucht
[10] der Kupferstich: Verfahren, bei dem eine Zeichnung seitenverkehrt in eine Kupferplatte eingeritzt wird. Der Abdruck ergibt dann das positive Bild.
[11] „Englischer Gruß“: hat nichts mit England zu tun, sondern mit Engeln = himmlische Wesen, die (sich) grüßen
[12] preisen: loben
[13] der Holzschnitt: Verfahren ähnlich wie beim Kupferstich; hier wird das Bild negativ in einen Holzblock eingeschnitzt. Beim Ausdruck ergeben die stehengebliebenen Stege das positive Bild.
[14] der Schwank: eine Komödie, ein Lustspiel
[15] die Skulptur: eine Figur (aus Bronze, Gips etc.), die ein Künstler gemacht hat
[16] Rang und Namen haben: sehr bekannt sein
[17] der Globus: eine Kugel, auf die die Landkarte der Erde o.ä. gemalt ist und die man um ihre eigene Achse drehen kann
[18] der Tand: alter Begriff für Handelswaren; wird heute geringschätzend verwendet
[19] die Reformation: im 16. Jahrh. durch Luther, Zwingli, Calvin u.a. angestoßene Bewegung zur Erneuerung der Kirche
[20] versäumen: etwas nicht tun; verpassen
[21] kosten: eine kleine Menge von etwas essen oder trinken um zu prüfen, wie etwas schmeckt; probieren
[22] der Proviant: das Essen, das man auf einen Ausflug oder eine Reise mitnimm
[23] der Lebkuchen: ein Gebäck in runder oder viereckiger Form, das süß und würzig schmeckt und besonders zu Weihnachten gegessen wird


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