Feste und Bräuche in Deutschland

Herbstbräuche: Erntedank und Kirmes **

Ein Dank für die eingebrachte Ernte

Vielen Menschen in den Städten ist es gar nicht mehr bewusst, wie Getreide, Obst und Gemüse reifen und geerntet werden. Das war früher anders. Als noch viele Menschen auf dem Lande arbeiteten, gab es auch viele Erntebräuche.

Nach dem Einbringen der letzten Früchte dankte man Gott für eine gute Ernte und für das gute Wetter. Dabei überreichten die Mägde[1] und Knechte dem Dienstherren[2] und seiner Familie Geschenke. Anschließend feierte man ein großes Fest, bei dem gesungen, getanzt und gespielt wurde.

Noch heute ziehen in einigen Gegenden Deutschlands schön geschmückte „Erntedankzüge“ durch die Straßen. Auf den von Pferden oder Traktoren gezogenen Wagen liegen Getreide, Früchte und Gemüse. Kinder und Erwachsene ziehen oft alte Trachten[3] an und zeigen einige der alten Erntebräuche.

Oft bindet man aus Getreidehalmen auch schwere Erntekränze und Erntekronen.

Auch in der Kirche gab es schon früh Erntedankfeste, aber erst im 19. Jahrhundert wurde das Erntedankfest in Preußen ein offizieller Festtag. Normalerweise feiert man diesen Tag am ersten Oktobersonntag. Dann schmückt man die Kirchen mit vielen bunten Sachen aus der Natur. Gemeinsam lobt man Gott, der das Leben schenkt und erhält. Und man denkt neu nach über die oft gedankenlos benutzten Worte: „Gott sei Dank!“

Kirchweihfest und Kirmes ***

Der Oktober ist nicht nur eine Zeit für die Erntefeste. An vielen Orten feiert man ein beliebtes und lange bekanntes Fest, das Fest der Kirchweih. In anderen Gegenden heißt es auch Kirmes (Kirchmesse), Kirta (Kirchweihtag), Kerw(e) oder Kilbe. Es erinnert an den alten Brauch der katholischen Kirche, den Jahrestag der Einweihung[4] einer Kirche zu feiern. So ist auch heute noch in manchen Gegenden der gemeinsame Kirchgang am Sonntag ein wichtiger Teil des Festes.

Immer mehr wurde das Kirchweihfest aber zu einem beliebten Volksfest, das oft drei bis vier Tage dauert[5], von Samstag bis Dienstag. Eigentlich war es ein Dorf- und auch ein Familienfest. Man aß und trank viel und war vergnügt. Im Freien und auf der Tenne[6] wurde getanzt, und man machte viele Spiele und Wettspiele gemeinsam. Von Dorf zu Dorf waren die Traditionen verschieden.

Auch heute noch ist das Kirchweihfest in den Dörfern häufig eine Zeit des gemeinsamen Feierns. In den Städten und größeren Orten aber werden vor allem die jungen Leute von anderen Dingen angezogen. So findet man auf der Kirmes Karussells[7], Luftschaukeln, Autoskooter[8], Schießbuden[9], Verkaufsbuden, Losstände[10], Stände mit Essen und Trinken und vielem mehr. Viel Geld kann man in dieser Zeit ausgeben, und viele Eltern geben den Kindern dafür auch besonderes „Kirmesgeld“. Das Fest ist laut, und es wird kräftig gefeiert. Der eigentliche Anlass ist bei dem Jahrmarktstreiben[11] jedoch nicht mehr zu erkennen. Die Kirmes ist zu einem Volksfest geworden.


[1] die Magd/der Knecht: (veraltd.) eine Frau/ein Mann, die/der als Arbeiter(in) auf einem Bauernhof tätig ist
[2] der Dienstherr: (heute) Arbeitgeber
[3] die Tracht: eine Kleidung, die für eine bestimmte regionale (Volks)Gruppe oder eine Berufsgruppe typisch ist
[4] die Einweihung: die feierliche Eröffnung eines neuen Gebäudes
[5] Es muss auch nicht immer im Herbst stattfinden. Heute gibt es die Kirmes auch zu anderen Zeiten im Jahr.
[6] die Tenne: fest gestampfter od. gepflasterter Platz [in der Scheune = ein Gebäude, in dem ein Bauer besonders Heu und Stroh aufbewahrt] [7] das Karussell: ein großes, rundes Gestell mit hölzernen Pferden, kleinen Autos o.Ä., das sich im Kreis dreht, und auf dem man (mit)fahren kann
[8] der Autoskooter: [-³«µÐ´Ð] Anlage auf dem Jahrmarkt, auf der kleine, elektrisch betriebene Autos fahren, die auf allen Seiten durch dicken Gummi geschützt sind und mit denen man versucht, andere aus der Spur zu stoßen oder ihnen geschickt auszuweichen
[9] die Bude: ein kleines Haus (auf dem Jahrmarkt), das meist aus Brettern gebaut ist
[10] der Losstand: ein Stand, an dem man ein Stück Papier mit einer Nummer kaufen kann, um (bei einer Lotterie) etwas zu gewinnen
[11] das Treiben: die lebhaften Aktivitäten von vielen Menschen, die zu gleicher Zeit etwas tun, sich hin und her bewegen


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