Gut, dass es dich gibt **

Eine junge Frau erzählt aus ihrem Leben

Eine gelungene Freundschaft – heute weiß ich, dass es keineswegs selbstverständlich ist, dass Freundschaften gelingen. Nicht dadurch, dass ich Kontakt aufnehme zu sympathischen Menschen mit ähnlicher Lebenseinstellung. Freundschaft lässt sich weder einfordern[1] noch herbeidiskutieren[2]. Tatsache ist, dass wir in unsere Freundschaften nicht nur die erwachsenen, sondern auch die unreifen[3] Anteile unserer Person mitnehmen. Dazu gehören Verletzungen aus der Vergangenheit, Ängste, Sehnsüchte[4] und stille Erwartungen.

Was ist echte Freundschaft?

Ich überforderte Freundschaften oft mit den mir kaum bewussten Wünschen nach dem, was mir so sehr fehlte: Aufmerksamkeit, Zuwendung, Geborgenheit und Sicherheit. Ich war voller Misstrauen und Angst vor Zurückweisung. Zeigte mir jemand Zuneigung, unterstellte[5] ich: du liebst mich nur, weil du mich nicht richtig kennst. Würdest du mich kennen, könntest du mich gar nicht lieben, denn ich bin nicht liebenswert. Oder: du meinst gar nicht wirklich mich und wendest dich mir nur aus Mitleid zu. Vertrauensvolle Beziehungen konnten so nicht entstehen.

Ein englisches Sprichwort besagt: „Es gibt nur einen Weg, einen Freund zu haben, nämlich den, einer zu sein.“ Es dauerte lange, bis ich verstand: Freundschaft setzt voraus, sich selber Freund zu sein oder zu werden. Einmal las ich einen Satz, der mich tief berührte. Es ging da nicht nur um die Freundschaft zu Anderen, sondern auch um die Aussöhnung[6] mit sich selbst: „Wolltest du am Freund nur die liebenswürdigen Eigenschaften lieben und achten, wofür wärst du dann sein Freund? Du musst deinen Freund mit allem, was an ihm ist, in deinen Arm und in deinen Schutz nehmen.“

Dann lernte ich eine Gruppe junger Christen kennen, die mich in ihre Gemeinschaft aufnahmen. Sie hatten die Gewohnheit, freitags frühmorgens 6 Uhr Abendmahl zu feiern. Der Pfarrer sprach die Einsetzungsworte auf eine überraschend neue Art, die mich aufhorchen ließ. Er sprach von der Nacht, in der die Jünger nichts von dem begriffen, was da geschah und einschliefen, Jesus verleugneten, verrieten, flohen.

Der Pfarrer sagte: „In dieser Nacht ist Jesus für sie gestorben.“ Ich sah sie vor mir, diese Nachfolger, die ja Versager[7] waren! Und ich entdeckte: Ich bin nicht anders als sie! Und für diese Typen[8] hat Jesus das alles auf sich genommen: Spott, Schande[9], Todesqualen[10]!? Dann, ja dann hat er vielleicht auch mich im Blick gehabt damals und ist auch für mich gestorben?

Bei jenem Abendmahl ist mir – unerwartet und Typen[11]unspektakulär – Jesus zum Freund geworden. Eine Freundschaft, die mein Leben sehr verändert hat. Später las ich in der Bibel: „Was schwach ist vor der Welt, unedel und verachtet, das hat Gott erwählt.“ Ich gehöre auch zu dieser Gruppe der Schwachen. Allmählich begriff ich: Jesus sagt bedingungslos Ja zu mir. Er nimmt mich an und achtet mich. Er hat Hoffnung für mich. Er hat etwas mit mir vor. Er kann mich gebrauchen, so wie ich bin. So bin ich Christ geworden durch andere Menschen, in deren Freundlichkeit mir die Menschenfreundlichkeit Gottes begegnet ist. Und ich bin Gottes Freund geworden. Etwas Schöneres und Größeres kann ich niemandem wünschen. Jesus ist mein Freund. Er hat immer Zeit für mich und hört mir zu, wie ich es noch bei keinem anderen Menschen erlebt habe. Mit ihm kann ich über alles reden. Er versteht meine Gedanken, noch ehe ich sie ausgesprochen habe. Und er verachtet mich nicht, obwohl er mich so gut kennt. Er empfängt mich nicht mit Vorwürfen, wenn ich ihn enttäuscht habe, und das tue ich oft. Er hat mir versichert, dass er mich liebt, und ich glaube ihm das, obwohl ich mir überhaupt nicht liebenswert vorkomme. Auf seine Treue habe ich mein Leben gebaut. Seit ich ihn kenne, bin ich nie mehr allein.

Wie Gott uns Menschen sieht:

Ich kenne dich mit Namen. (2.Mose 33,17)
Ich trage dich, wie ein Vater seinen Sohn trägt. (5.Mose 1,31)
Ich beschütze dich. (Psalm 5,12)
Ich nehme dich auf, wenn andere dich verstoßen. (Psalm 27,1O)
Ich kenne deine Gedanken. (Psalm 139,2)
Ich bin dir gnädig und barmherzig. (Psalm 145,8)
Ich habe dir deine Schuld und deine Sünden vergeben. (Jesaja 44,22)
Ich will dich trösten. (Jesaja 57,18)
Ich schenke dir ein neues Herz. (Hesekiel 36,26)
Ich mache dich zum Licht der Welt. (Matthäus 5,14)
Ich kümmere mich um dich, du bist mir sehr wertvoll. (Matth. 6,26)
Ich verurteile dich nicht. (Römer 8,1)
Mein Geist macht dich zu meinem Kind. (Römer 8,14)
Ich habe dir meinen Heiligen Geist gegeben, du bist mein Eigentum. (2.Kor. 1,22)
Ich habe Frieden mit dir geschlossen. (2.Kor. 5,18)
Ich habe dich mit Christus lebendig gemacht und dir alle Schuld vergeben. (Kol. 2,13)

Zur Diskussion

Freundschaft Fragen zum Thema Freundschaft. Diskutieren Sie miteinander über diese Fragen.

  • Halten Sie sich für einen guten Freund?
  • Wie viele Freunde haben Sie zurzeit? Was empfinden Sie als Verrat: wenn der andere es tut? – Wenn Sie es tun?
  • Was würden Sie einem Freund nicht verzeihen: -dass er keine Kritik verträgt, -Ironie, auch Ihnen gegenüber, -dass er Personen, mit denen Sie sich verfeindet[12] haben , durchaus schätzt und gern mit ihnen verkehrt, – dass Sie keinen Einfluss auf ihn haben?
  • Möchten Sie ohne Freunde auskommen können?
  • Was fürchten Sie mehr. das Urteil von einem Freund oder das Urteil von Feinden?
  • Wie viel Aufrichtigkeit von einem Freund ertragen Sie in Gesellschaft anderer oder unter vier Augen[13]?
  • Wie reden Sie über verlorene Freunde?
  • Was halten Sie für unbedingt erforderlich in einer Freundschaft: politisches Einverständnis, Nachsicht, Mut zum offenen Widerspruch, Geduld, Aufrichtigkeit[14], Dankbarkeit, -dass der eine den anderen gelegentlich im Unrecht sehen kann, aber deshalb nicht „belehrend“ wird?
  • Wie groß kann der Altersunterschied zwischen Freunden sein?
  • Halten Sie sich einen Hund als Freund?
  • Was halten Sie von dem Ausspruch: „Ein wahrer Freund erweist sich in der Not“?

aus Max Frisch: „Tagebuch 1966-71″

Worthilfen: die Freundschaft, freundschaftlich, befreundet sein (mit) …, wir sind gute Freunde, eine Freundschaft erweist sich als gut, beständig, wenn… , eine Freundschaft muss sich bewähren, eine Freundschaft auf die Probe stellen, einen großen Freundeskreis haben

Aufgabe:- Erklären Sie den Begriff „ein falscher Freund“!

Der Artikel erschien in „Der Weg“ 3/2004

 
[1] einfordern: fordern, verlangen
[2] herbeidiskutieren: durch Gespräche etwas erreichen
[3] unreif: ohne viel Erfahrung, nicht so vernünftig wie andere (mit mehr Erfahrung)
[4] die Sehnsucht: der sehr starke Wunsch, dass jemand da wäre oder dass man etwas bekäme – Verlangen
[5] jemandem etwas unterstellen: von jemandem etwas Negatives glauben oder behaupten, obwohl man es nicht beweisen kann
[6] sich aussöhnen: wei Personen bauen (nach einem Streit) wieder eine gute Beziehung auf – Personen versöhnen sich
[7] der Versager: jemand, der oft oder in wichtigen Dingen nicht die erwartete Leistung bringt
[8] die Typen: (gespr.; bes.von Jugendlichen) Bezeichnung für Männer
[9] die Schande: etwas, das einen großen Verlust des Ansehens oder der Ehre (meist wegen unmoralischen Verhaltens o.Ä.) bringt
[10] die Qual: starker körperlicher oder seelischer Schmerz
[11] unspektakulär: ganz unauffällig; ohne großen Aufwand
[12] sich verfeinden (nur im Perfekt gebräuchlich: wir haben uns verfeindet): sich ernsthaft streiten
[13] unter vier Augen: nur zu zweit, nicht in Anwesenheit anderer
[14] die Aufrichtigkeit: die Ehrlichkeit, aufrichtig sein (gegenüber jemandem)


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