Die AIDS-Epidemie

Osteuropa steht an der Schwelle zu einer katastrophalen Aids-Epidemie. In Osteuropa und Zentralasien haben sich 2006 bereits 270.000 Menschen mit HIV angesteckt. Das sind rund 70 Prozent mehr als im Vergleichsjahr 2004. [1]

In Osteuropa und Zentralasien ist AIDS später aufgetreten als in anderen Weltregionen. Doch inzwischen hat es sich gerade dort in einem dramatischen Ausmaß verbreitet. In diesen Regionen wird das HIV-Virus vor allem durch intravenösen Drogengebrauch übertragen. Verseuchte Spritzen, die ohne Desinfektion weitergereicht werden, sind die Hauptursache für die rasante Ausbreitung des Virus. Unter Jugendlichen und bei Gefängnisinsassen steigt die Infektionsrate mit dem zunehmenden Drogenkonsum dramatisch an. Für die Russische Föderation wird die Zahl der Drogenabhängigen, die an der Spritze hängen, auf 1,5 bis 3 Millionen Menschen geschätzt. Das sind ein bis zwei Prozent der Bevölkerung. Für die Ukraine belaufen sich die Schätzungen auf über 600.000.

Sehr viele Ansteckungen mit AIDS erfolgen über heterosexuellen Geschlechtsverkehr von Drogenabhängigen und ist weniger stark auf homosexuelle Gruppen konzentriert als in Westeuropa und den USA. Drogen werden in der Mehrzahl von jüngeren Männern benutzt, die das Virus dann auf ihre Partnerinnen übertragen. Dadurch ist auch der Anteil der HIV-infizierten Frauen stark angestiegen. In Russland zum Beispiel von 24 Prozent im Jahr 2001 auf 33 Prozent im Jahr 2002. Auch in der Ukraine beobachtete man, dass 30 Prozent der Neuinfektionen durch heterosexuelle Kontakte verursacht wurden. Mehr als 40 Prozent der Menschen mit HIV/AIDS in der Ukraine sind Frauen. Mit dem Anteil positiver Frauen steigt auch der Anteil der Schwangeren mit HIV. Während in Russland 1998 noch 125 Fälle von Schwangeren mit HIV gezählt wurden, waren es fünf Jahre später bereits 3.531.

Wachsende Ungleichheiten in der Gesellschaft und mangelnde Perspektiven führen gerade bei vielen jungen Menschen zu Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Die alten sozialen Normen sind zerstört und neue sind noch nicht klar ausgeprägt. Dies hat zu einem höheren Risikoverhalten besonders bei Jugendlichen geführt. Der Drogengebrauch ist in den 90er Jahren sprunghaft angestiegen, oft in Kombination mit der ebenfalls rasch anwachsenden Prostitution. Gleichzeitig fand in den 90er Jahren eine Änderung der Drogenhandelsrouten statt. Sie verliefen nun durch die zentralasiatischen Republiken nach Russland und Europa. Der Zugang zu Heroin wurde den Menschen entlang der Handelsrouten dadurch erleichtert. In einigen Gegenden ist Heroin inzwischen billiger als Alkohol.

In Russland gehören heute 80 Prozent der Menschen mit HIV-Infektion der Altersgruppe zwischen 15 und 29 Jahren an. In der Ukraine [2] sind 25 Prozent der HIV-Diagnostizierten jünger als 20 Jahre, in Weißrussland sind 60 Prozent der AIDS-Kranken zwischen 15 und 24 Jahre alt. Zum einen hängt dies mit dem hohen Anteil junger Menschen an den Drogenabhängigen zusammen. Zum anderen benutzen nur wenige Jugendliche ein Kondom beim Geschlechtsverkehr.

In ganz Osteuropa und Zentralasien zeichnet sich eine gesundheitliche Katastrophe ab. AIDS breitet sich hier so schnell aus wie sonst nirgendwo auf der Welt. Ende 2005 gab es in den genannten Gebieten geschätzte 1,5 Millionen Menschen, die mit HIV infiziert waren, bzw. bei denen die AIDS-Symptome bereits ausgebrochen waren. Das entspricht einer Steigerung um nahezu 1.000 Prozent in weniger als zehn Jahren. Experten erklären bereits, dass die Republiken der ehemaligen Sowjetunion heute da stehen, wo vor 14 Jahren Südafrika stand, und prophezeien eine ähnliche Entwicklung mit Millionen von Toten. [3]

Am schlimmsten ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO die Russische Föderation betroffen. Auf ihrem Gebiet treten mehr als 70 Prozent der offiziell registrierten HIV-Infektionen in Osteuropa und Zentralasien auf. Eine ähnliche Situation besteht in der Ukraine. Hier liegt die HIV-Verbreitung unter Erwachsenen bei 0,7 bis 2,3 Prozent. Das bedeutet, dass 180.000 – 590.000 Menschen mit HIV bzw. AIDS leben. [4]

Der Artikel erschien als Ergänzung zu dem Thema Hoffnung trotz AIDS in „Der Weg“ 3/2007

 

[1] 26 Jahre nach der Entdeckung des Virus sind weltweit allein in diesem Jahr fast drei Millionen Menschen an Aids gestorben.
[2] In der Ukraine sind neuesten Informationen zu Folge bereits 2% der Männer zwischen 16 und 30 mit dem HIV-Virus infiziert (zum Vergleich: In Deutschland sind 0,05% der Gesamtbevölkerung mit dem HIV-Virus infiziert).
[3] Schätzungen sprechen allein in Russland bis 2025 von zwischen vier und 19 Millionen HIV-Infizierten und bis zu 12 Millionen Menschen, die an dieser unheilbaren Krankheit sterben.
[4] Offiziell waren 2004 72.000 Menschen mit einer HIV-Infektion registriert.


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