Er konnte doch nicht auf einmal so plötzlich tot sein

Ich war gerade im Badezimmer und in Gedanken bereits dabei, mich in mein Federbett zu kuscheln, als ich durch das laute Klingeln des Telefons aus meinen Gedanken gerissen wurde. Meine Mutter war am anderen Ende der Leitung, und sie sagte die fünf Worte. Es waren die schrecklichsten, die ich bisher gehört habe – fünf Worte, die mein Leben veränderten, mein Leben und meinen Glauben: „Anke, der Clas ist tot.“

Ich konnte es nicht glauben. Nein, doch nicht mein Bruder! Erst 23 Jahre, sportlich, dynamisch … Er konnte doch nicht auf einmal so plötzlich tot sein. Tot – wie kalt, wie abstoßend ist dieses Wort und alles, was es ausdrückt: Trennung, der Verlust eines liebgewordenen Lebens.

Weg! Ich mußte weg, beziehungsweise: hin! Meine Eltern wohnen in Nürnberg. Ich mußte hin, mußte bei ihnen sein! Ich riß meine Jacke von der Garderobe, stürzte die Treppe hinunter und auf die Straße. In mir ein riesengroßes Entsetzen, so daß ich in meiner Verzweiflung schrie: „Nein! Nein! Nein!“ Es hallte in der leeren Straße wider. Gott sei dank, gleich um die Ecke wohnt Conny. Und nun schrie ich meiner Freundin die Nachricht entgegen. Sie war bestürzt, nahm mich in den Arm und brachte mich zu meinen Eltern.

Eine lange Nacht folgte. Mir war schlecht, und ich hatte Schüttelfrost. Wie eine Granate hatte dieser Tod in mein Leben eingeschlagen. Schreckliche Angst befiel mich. Was war überhaupt noch sicher, wenn ein Mensch so schnell sterben konnte? Meine Güte, wie hatte ich diesen Menschen gern, meinen großen Bruder mit seiner warmen Ausstrahlung und seinen oft verrückten Ideen … Clas war nicht mehr da und würde nie wiederkommen! Aber wo war er jetzt? Wer konnte mir Trost spenden?

Drei Monate liegt das nun zurück, aber es zehrt immer noch an mir. Ich blättere in meinem Tagebuch und bleibe an einigen vergangenen Zeilen hängen:

28.10. Mittwoch

Clas hatte einen schweren Motorradunfall, sechsmal gebrochenes Bein, liegt jetzt nach sechs Stunden Operation auf der Intensivstation. Er lebt, und Kopf und Rücken sind in Ordnung … Ich bin benommen und auch etwas erschrocken!

Vater im Himmel, ich kenne und verstehe deine Wege nicht. Aber du bist groß und weißt und verstehst alles. Ich gebe alles ab an dich.

7.11. Samstag

Wie herrlich ist es zu wissen, daß es Gott, den himmlischen Vater, gibt, dem ich ganz und gar vertrauen kann. Der nicht nur mich, sondern auch meinen Bruder und meine Familie liebt.

Seitdem das mit Clas passiert ist, lebe ich in Intervallen, mal absolut zuversichtlich und dann wieder …

10.11. Dienstag

Eben habe ich mit Mama telefoniert. Die Ärzte machen ihr keine großen Hoffnungen. Sie meinen, damit Clas nicht an einer Blutvergiftung stirbt, werden sie ihm den Unterschenkel amputieren. Es war ein schrecklicher Schock für mich. Mein so sportlicher Bruder mit einem Holzbein! Es ist unvorstellbar für mich. Gott kann Clas heilen. Wird er es aber auch? Wird Gott handeln?

12.11. Donnerstag

Clas ist gestern gestorben. Lungenembolie. Ich weiß nicht mehr ein noch aus. Mir ist so schlecht, ich bin völlig durcheinander. Ein Glück, daß Gott alles weiß und uns liebt. Ich will es glauben, auch wenn es schwer verständlich ist.

13.11. Freitag

Wie bin ich dankbar, daß ich so einen wertvollen und lieben Bruder haben durfte. Daß ich ihn schon geschätzt habe, als er noch hier war, und daß wir so ein inniges Verhältnis zueinander hatten.

Danke, mein himmlischer Vater, daß du mich so trägst und mir hilfst. Danke, daß der Clas jetzt bei dir ist, daß er an Jesus geglaubt hat.

16.11. Montag

Habe mir noch einmal die Kassette angehört, die er mir vor einem halben Jahr besprochen hat. Auch habe ich ein Bild gefunden, das mir gefällt. Und irgendwie ist mir jetzt auch bewußt geworden, daß der Clas ja nicht einfach weg ist, sondern Clas ist heimgekehrt und ist jetzt bei Gott, vorerst unerreichbar.

19.11. Donnerstag

Nun ist der schreckliche Tag der Beerdigung hinter uns. Mein Herz wäre fast zerrissen! Wie soll ich mit dem Bewußtsein leben, daß dieser über alles geliebte Mensch nie wiederkommt?! Aber ich will nicht daran zerbrechen. Ich will akzeptieren, daß die Zeit von Clas auf dieser Erde vorbei ist. Ich will es annehmen! Und doch ist es unendlich schwer.

Abermals will ich dir sagen, Vater, daß ich dieses schrecklich harte und unbarmherzige Leben nicht leben kann, und so übergebe ich es dir. Bitte, nimm du meinen Schmerz und mein Leid, meine Verzweiflung und meine Sorge.

22.11. Sonntag

Schreckliche Angst hat mich befangen, Angst, immer wieder, daß das Telefon klingelt und neue Schreckensbotschaften kommen. Angst, daß meinen Eltern was passiert. Es ist jeden Tag ein Grund zu danken, wenn es und gut geht und wir leben.

25.11. Mittwoch

Der Tot ist für mich immer noch unfaßbar und wird es wohl auch ein Leben lang sein. Aber ich lerne, damit zu leben. All das verändert mich. Mir wird so klar, daß nur Gott unveränderlich ist und ich mich wirklich nur auf ihn verlassen kann. Gott ist einfach so unbegreiflich für mein kleines Gehirn!

3.12. Donnerstag

Ich weine viel, bin unendlich müde und leer. Es fällt mir schwer, mich auf andere Menschen zu konzentrieren, meine Gedanken schweifen in die Ferne, stoßen immer wieder an die kalten Barrieren, die der Tod nun zwischen Clas und mir errichtet hat. Das erste Mal in meinem Leben, daß ich fast nur schweige. Ich mag nicht reden.

5.12. Samstag

Sehr betrübt ging ich hinauf in die Waldlichtung, kam zu dem Friedhof, auf dem nun der Clas ruht. Langsam ging ich auf das frisch hergerichtete Grab zu. Tannenzweige bedeckten es, innen dunkelgrün und drumherum mit hellen Zweigen eingerahmt. Sollte es wirklich wahr sein? Mein Bruder Clas, er soll da nun liegen? Da fühlte ich meine kleine Bibel in der Tasche. Ich zog sie heraus und las meinem schlafenden Bruder den Psalm 116 vor. Und es war mir, wie wenn wir ihn gemeinsam unserem Vater im Himmel vorlasen, denn es sprach mir so aus dem Herzen, und genauso muß er sich gefühlt haben in der Stunde des Todes.

24.12. Heiligabend

Ich habe keine Lust, beschenkt zu werden. Will viel lieber nur einfach stille sein. Nun das erste Mal ohne Clas. Noch ist er so lebendig in meiner Erinnerung, noch hängen sein Lachen, seine Wärme, seine ganze Persönlichkeit in der Luft. Es scheint so unglaublich, daß er niemals mehr hierher zurückkehren wird. Nie mehr! Diese Entgültigkeit fällt mir so schwer zu fassen.

27.12. Sonntag

Nun sitze ich hier in meinem Zimmer und lasse meine Gedanken schweifen. Ganz deutlich spüre ich, daß ein neues Jahr vor mir steht, ein ganz neues. Clas wird mir fehlen, und das nächste Jahr wird wohl auch gezeichnet sein von der Traurigkeit. Aber was wird dieses neue Jahr bringen? Noch nie habe ich mir so bewußt diese Frage gestellt.

Ja, drei Monate sind vergangen, und immer noch vermisse ich Clas. Aber daß der Tod nicht das letzte Wort haben wird, ist mein Trost! „Wer an mich glaubt“, hat Jesus gesagt, „der wird leben, auch wenn er gestorben ist!“ Für Clas gilt das ganz gewiß, auch wenn seine Schritte in den Glauben noch jung und zart waren. Aber es waren Schritte auf festem Grund!

Anke Feuerlein, Erlangen

Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus dem Buch „erlebt und erzählt“.

© Campus für Christus

 

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