Gibt’s wirklich keine Wunder mehr? ***

Anfang Februar 1984 erlebte ich eine Nacht, in der mir verzweifelt klar wurde, dass es nicht zu schaffen war! Mir wurde in tiefer Ohnmacht, Hilflosigkeit und aller Deutlichkeit bewusst: Ich bin alkoholabhängig. Es war mir einfach nicht mehr möglich, auch nur einen Tag ohne Alkohol zu bewältigen. Meine vermeintliche Stärke, die ich so oft zum Wohle anderer Menschen eingesetzt hatte, reichte nicht, um mir selbst zu helfen.

Ich war so schwach, klein, hilflos und verzweifelt, wie ich es mir niemals hatte vorstellen können. Ich lag ziemlich betrunken auf meinen Knien – und irgendetwas in mir erinnerte sich: „Gott, Gott, falls du mich hörst, wenn es dich gibt, bitte, hilf mir! Ich schaffe das nicht, ich komme da nicht mehr raus!“ Danach passierte etwas gänzlich Unerwartetes: Gott erhörte meinen gelallten[1] Ruf.

Ein Wunder: Er schenkte mir als Erstes Ehrlichkeit, meinen Zustand schonungslos zu erkennen. Außerdem gab er mir die Kraft, bis Montag durchzuhalten. Früh am Morgen ging ich zu meinem Hausarzt, sagte offen, was mit mir los war – und er wies mich unverzüglich ins Krankenhaus ein. Als ich schließlich dort im Bett lag, war mir zumute, als hätte ich das rettende Ufer erreicht.

Woher kommt Hilfe?

Es folgten fünf Wochen, in denen es mir gesundheitlich sehr schlecht ging. Von meinem Krankenbett aus sah ich die verschneiten Berge. In mir tauchten einzelne Wörter und Gedanken aus dem längst vergangenen Konfirmandenunterricht[2] auf.

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt. Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ (Psalm 121, 1 + 2).

Der Gedanke, über den Bergen wohne meine Hilfe, gab mir durch die schlimmen Tage und Wochen Trost und Zuversicht.

Nach der Heimkehr war meine erste Tat, mich den Anonymen Alkoholikern[3] anzuschließen. Ich wollte lernen, wie ich mit meiner Krankheit leben kann. Die zweite Tat war ein Gottesdienstbesuch, der erste seit vielen Jahren. Ich wollte dem netten Pfarrer eine Freude machen, nachdem er bei ein oder zwei Besuchen im Krankenhaus sich freundlich meinen ganzen Jammer angehört hatte. Und Gott wollte ich auch danken. Für mich gehörte sich das so.

Eine lebensverändernde Predigt

Der Pfarrer predigte an jenem Sonntag von der Heimkehr des verlorenen Sohnes. Von dem Moment an, als meine Gedanken den Bogen zu „verlorenen Töchtern“ schlugen, weinte ich während der ganzen Predigt. Es waren heilende Tränen. Und aus meinem „Gegenbesuch“ beim Pfarrer wurde eine Heimkehr in die Gemeinde. Ich zog meine alte Schulbibel aus irgendeiner Ecke und las darin jeden Sonntag die Predigttexte nach.

Ebenso wurde mir das 24-Stunden-Buch der Anonymen Alkoholiker ein wichtiger Impulsgeber für mein tägliches Leben.

Ich lernte Rudi kennen. Wir hatten zuerst eine Wochenend-Bekanntschaft. Schließlich zog er ins Allgäu, und wir heirateten. Im Herbst 1989 gründete Rudi die erste Blaukreuz[4]-Begegnungsgruppe im Allgäu. Ich war eines der Gründungsmitglieder und wurde Mitarbeiterin.

Im Laufe der folgenden Jahre lernte ich etwas Wichtiges erkennen und begreifen:

Ein Leben mit Gott, mit Jesus Christus, in der Ausrichtung auf sein Wort

 

  • bewahrt nicht vor Krankheit,
  • bewahrt nicht vor dunklen Lebensphasen,
  • erspart keinen Mitarbeiterzwist,
  • erspart keine menschliche Enttäuschungen, schützt nicht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder vor anderen Übeln.Aber all das lässt sich im Vertrauen auf meinen sorgenden himmlischen Vater leichter ertragen und durchstehen, als wenn ich ganz alleine auf meine sehr begrenzte menschliche Kraft gestellt bliebe.

    So bin ich sehr dankbar für Gottes Hilfe in den zurückliegenden 22 Jahren. Und mir ist dabei besonders wichtig: Ohne mein privates „Wunder“ in jener schrecklichen Februarnacht und ohne Gottes behutsames Lenken in allen folgenden Jahren wäre ich heute sicher nicht mehr hier.

    Ingeborg Schmidt – Zeitschrift Blaues Kreuz, www.blaues-kreuz.de

    Der Artikel erschien in „Der Weg“ 3/2006

     

    [1] lallen: Laute sehr undeutlich aussprechen
    [2] der Konfirmationsunterricht = Konfirmandenunterricht: (meist vom Pfarrer erteilter) Unterricht für Jugendliche zur Vorbereitung auf die Konfirmation (Konfirmation = Befestigung im Glauben)
    [3] Die Anonymen Alkoholiker sind Frauen und Männer, die entdeckt und eingestanden haben, dass der Alkohol ein Problem für sie geworden ist. Sie bilden eine weltweite Gemeinschaft, in der sie einander helfen, nüchtern zu bleiben.
    [4] Das Blaue Kreuz ist eine in christlicher Tradition stehende Organisation, die sich um Hilfe für Suchtkranke bemüht. Das gesamte „Blaue Kreuz“ arbeitet unter dem Leitspruch: „Evangelium und Abstinenz – mit Jesus und ohne Alkohol“.


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