Ein Kampf auf Leben und Tod

Mit mehr als hundert Stundenkilometern raste der Zug durch die Nacht. Ich schaute aus dem Fenster und konnte in der dunklen Scheibe nur noch mein Spiegelbild erkennen. „Mach deinem Leben ein Ende“, ertönte es wieder in mir. Ich versuchte, mich dagegen zu wehren, aber diese Gedanken hatten die Kontrolle über mich. Was würde mein Vater denken, der mich in einer Stunde vom Bahnhof abholen wollte? Nach einigen Tagen würde jemand von der Polizei zu uns nach Hause kommen und ihm mitteilen: „Ihr ältester Sohn hat Selbstmord begangen!“

„So, jetzt steh auf, öffne die Tür und spring aus dem Zug!“ forderte diese innere Stimme erneut. Ich merkte, wie meine Gegenwehr immer schwächer wurde. Wie lange konnte ich noch gegen mich selbst ankämpfen? Bis Hannover waren es noch neun Minuten – ein Kampf auf Leben und Tod …

Weg vom Alkohol

Wenige Monate später fuhr ich in eine psychiatrische Klinik. Und bald teilte mir meine Ärztin ihre Diagnose mit: „Sie sind Alkoholiker!“ Schon mit vierzehn Jahren hatte ich angefangen, Bier zu trinken. Mit der Zeit wurde die Kneipe mein Zuhause. Während meiner Zeit bei der Bundeswehr war es besonders schlimm geworden. Ich war nahezu regelmäßig betrunken. Doch wie sollte ich jemals vom Alkohol wegkommen können? Alle meine Freunde und Bekannten lebten so wie ich, und gemeinsam Alkohol zu trinken war unsere liebste „Freizeitbeschäftigung“.

Dennoch hörte ich mit dem Alkoholtrinken auf. Es war ja meine einzige Chance, wenn ich weiterleben wollte. Und schon bald konnte ich schöne Seiten im Leben entdecken: die verschiedenen Jahreszeiten, den Geruch der Blumen und Stoppelfelder, die Stille des Waldes. Ich fing an, mich wieder für andere Menschen zu interessieren und im nüchternen Zustand mit ihnen zu reden. Aber Angst und Depressionen machten mir immer noch zu schaffen.

Gibt es einen Ausweg?

Nach der Militärzeit ging ich wieder zur Schule, denn ich hatte meine Ausbildung am Gymnasium abgebrochen und wollte nun das Abitur nachmachen. Zu meiner Überraschung erhielt ich überdurchschnittlich gute Schulnoten, und ich bereitete mich auf ein Studium der Forstwirtschaft vor. Auch sonst lief alles sehr gut: ich bekam neue Freunde, hatte Interesse an geistigen Auseinandersetzungen und trieb regelmäßig Sport. Außerdem konnte ich es mir leisten, für einige Zeit durch Europa zu reisen. Viele meiner Träume wurden Wirklichkeit. Aber im Innersten war ich oft unglücklich, denn mein Leben war letztlich sinnlos. Was sollten all die Anstrengungen und Freuden, wenn doch alles einmal ein Ende hat? Diese Frage konnte mir niemand so recht beantworten. Und so fiel ich wieder in meine alten Angewohnheiten zurück. Auch die aggressiven Zerstörungsgedanken kehrten wieder zurück. Als ich nicht mehr weiter wußte, wandte ich mich in meiner Not an den großen Unbekannten: „Gott, wenn es Dich gibt, dann hol mich hier raus.“

Ich konnte selbst nicht verstehen, wieso ich mich an Gott wandte. Zwar hatte meine Mutter früher mit mir gebetet, und die Geschichten aus der Bibel interessierten mich; aber im Laufe der Jahre vergaß ich das wieder. Doch nun zweifelte ich an meiner bisherigen Einstellung: „Vielleicht gibt es ja doch einen Gott …“. Ob er mir auch helfen kann?

Eine unbeschreibliche Freude

Ohne mein Zutun wurde ich immer näher an Gott herangeführt. So schenkte mir z.B. ein Mann in Schottland einen Teil aus der Bibel, das Johannes-Evangelium. Ich bekam Interesse daran, Gottesdienste zu besuchen. Glücklicherweise war der Pastor dieser Kirche auch Christ, und er glaubte an das, was in der Bibel steht. So erfuhr ich etwas Entscheidendes: Gott ist Jesus. Aber Jesus war doch am Kreuz gestorben? Plötzlich wurde es mir klar, daß Jesus Christus ja von den Toten auferstanden ist und lebt. Eine unbeschreibliche Freude erfüllte mich, und ich hatte nur noch einen Wunsch: Ich wollte zu Jesus gehören. Nur Jesus würde mich aus der Sinnlosigkeit retten und mir das ewige Leben geben können. Im Spätherbst 1982 gab ich es auf, mich dagegen zu wehren: „Jesus, ich weiß nun, daß Du Gott bist. Ich wollte selbst mein Leben führen, aber ich habe versagt. Ich möchte mit allem, was ich bin und habe, Dir gehören. Übernimm Du das Steuer meines Lebens.“ Seitdem ich diesen Schritt gewagt habe, und Jesus mein Leben bestimmt, bin ich, trotz aller Schwierigkeiten des Alltags, ein glücklicher Mensch.

1983 begann ich mit dem Studium der Theologie, denn ich wollte diese gute Nachricht von Jesus allen Menschen weitersagen. Im Oktober 1993 zog ich mit meiner Frau für einige Jahre nach Lettland. Jetzt arbeite ich wieder in Deutschland.

Ernst-Hermann

 

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