Es schneit, als Jewgenij Sewerin in den Wald geht. Als Förster in der sibirischen Taiga war er oft und gerne im Wald. Aber an diesem Tag sollte sich sein Leben dramatisch verändern.

Der Biss der Bärin

Lange Zeit stapft[1] er durch den hohen Schnee. Er bekommt Hunger und Durst und will sich ausruhen. Da hört er ein Geräusch. Er dreht sich um, und plötzlich stürzt ein Tier auf ihn zu. Es wirft ihn auf den Boden. Eine Bärin sitzt auf Jewgenij und beißt in sein Gesicht. Und sie beißt noch einmal zu! Wo ist sein Gewehr? Er schreit zu Gott. Er schreit, wie er es noch nie getan hat: „Gott, wenn es dich gibt, gib mir meine Flinte!” Plötzlich hat er sie in seinen Händen. Er schießt. Die Bärin flüchtet. Jetzt ist Jewgenij allein. Allein im Wald. Weit entfernt von zu Hause.

Er will weg. Aber er kann nichts mehr sehen. Seine Schmerzen sind unerträglich. Das Blut fließt. Mühsam steht er auf und versucht, den Weg nach Hause zu finden. Aber er läuft nur im Kreis. Das ist das Ende! Lange lehnt er gegen einen Baum. Jewgenij will sich das Leben nehmen[2]. Aber dann erinnert er sich an seine Frau und die Kinder, die er so sehr liebt. Von ihnen will er noch Abschied nehmen.

„Hilf mir aus dem Wald”

So kniet er sich hin und fleht unter Tränen zu Gott um Hilfe. Bisher hat er von Gott nie etwas wissen wollen. Er war Atheist. Seine Frau, Natascha, war vor einiger Zeit Christin geworden. Oft hatte sie ihm von Gott erzählt, dass er existiert und uns liebt und möchte, dass wir mit ihm leben. Aber er wollte darauf nicht hören. Heute Morgen hatte sie noch zu ihm gesagt: „Geh nicht in den Wald. Es wird sonst etwas Schreckliches passieren!” Sie hatte es gewusst, aber er hatte nicht darauf gehört. „Gott, hilf mir aus diesem Wald herauszukommen!”, betet er.

Plötzlich hört Jewgenij Hundegebell. Dort muss die Siedlung liegen! Und dann spürt er, wie jemand neben ihm steht. Es ist kein Mensch da, aber jemand führt ihn den Weg zurück zur Siedlung. Das ist Gott!

Kampf um Leben und Tod

Zu Hause angekommen, ist niemand da. Als er endlich den Weg zu den Nachbarn findet, erkennen sie ihn zuerst nicht wieder. So schrecklich sieht er aus. Sie holen seine Frau und fahren ihn ins Krankenhaus. Als die Ärzte ihn sehen, machen sie Natascha keine Hoffnung. „Er wird keine zehn Minuten mehr leben”, sagen sie. Aber er überlebt doch.

Jewgenij kommt in ein Krankenhaus in Wladiwostok. Aber er hat keine Kraft mehr. Was hat das Leben noch für einen Sinn? Ein großer Stein scheint ihn zu erdrücken. Er will seinem Leben ein Ende setzen. Natascha betet viel und redet mit ihm über Jesus. Er schämt sich, es zuzugeben, aber er sehnt sich nach Gott. Und endlich ist er bereit, zu Gott umzukehren. Er bekennt seine Schuld und nimmt Christus in sein Leben auf. Er vertraut ihm sein weiteres Schicksal an. Wie gut das tut!

Ein neues Gesicht

Bald geht es ihm etwas besser, und nach sechs langen Monaten wird Jewgenij aus dem Krankenhaus entlassen. Aber er will nicht mehr unter Menschen gehen. Er schämt sich, denn er hat einen großen Teil seines Gesichts verloren. Er betet zu Gott, und 1996 geschieht ein Wunder: Ärzte in der Schweiz sind bereit, ihm zu helfen. Es wird ein langes Jahr, in dem Jewgenij manches Mal den Mut verliert und die Hoffnung aufgeben will.

Aber die große Mühe der Ärzte hat sich gelohnt. Heute hat Jewgenij wieder ein Gesicht. Zusammen mit Natascha geht er in eine christliche Gemeinde. Und er erlebt die Hilfe Gottes, auch in Schwierigkeiten und Not.

Nach dem Buch: Jewgenij Sewerin, der Mann, der sein Gesicht verlor (Brunnen Verlag, 1999)

Der Artikel erschien in „Der Weg“ 2/2004

[1] stapfen: mit großen Schritten auf einem weichen Boden gehen, in den man immer wieder einsinkt
[2] sich das Leben nehmen: sich selbst töten – sich umbringen, Selbstmord begehen


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