Bonhoeffer – Theologe und Widerstandskämpfer ***

Viele Menschen weltweit kennen den Namen Bonhoeffer. Er starb vor 60 Jahren im Kampf gegen das Hitler-Regime.

Dietrich Bonhoeffer hätte ein schönes Leben führen können. 1906 wurde er in einer vornehmen bürgerlichen[1] Familie in Breslau geboren. Sein Vater war ein bekannter Professor der Psychiatrie in Berlin. Dietrich war reich begabt, mit 21 Jahren war er bereits Doktor der Theologie. Er hätte ein berühmter Theologieprofessor werden können. Er genoss die schönen Dinge des Lebens: Kunst, gutes Essen, Reisen.

Nachfolge

Da las er in der Bibel die Worte von Jesus in der Bergpredigt [2]: Gott will, dass wir ihm ganz gehorchen. Daraufhin beschloss er für Gott und für seine Mitmenschen zu leben. Er sagte: „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche“. So begann er, als Pfarrer in Berlin im Dienst der evangelischen Kirche zu arbeiten.

Besonders die Not leidenden Menschen lagen Bonhoeffer am Herzen. In den Jahren nach 1930 waren Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos, viele hungerten und froren. Bonhoeffer forderte: „Die Kirche muss Kirche für andere sein“.

1933 kam Hitler in Deutschland an die Macht. Er versprach den Menschen Arbeit und Brot. Millionen jubelten ihm zu. Auch in den Kirchen hatte er Anhänger. Aber er regierte mit Terror und Mord. Er bekämpfte die Juden.

Bonhoeffer lehnte deshalb das Nazi-Regime ab. Er war gegen Krieg und für Frieden zwischen den Völkern. Er sammelte zusammen mit anderen in der evangelischen Kirche die an die Bibel gebundenen Christen in der „Bekennenden Kirche“ [3] . Zahlreiche Christen und Pfarrer kamen ins Konzentrationslager[4], manche wurden umgebracht.

Ein schwerer Weg

1939 begann Hitler den 2. Weltkrieg. Bald erkannte Bonhoeffer: Durch Hitler werden noch Millionen Menschen sterben, im Krieg und in den Konzentrationslagern. Deshalb beschloss er zusammen mit anderen, Hitler zu töten. Hitlers Ermordung schien ihm eine kleinere Schuld vor Gott zu sein, als Millionen Menschen durch Hitler töten zu lassen.

Bonhoeffer war bereit, sein Leben zu opfern. Aber er fragte sich, ob er Folter und Tod aushalten könnte, falls man ihn verhaften würde. Jedoch sagte er sich: „Gott gibt uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft, wie wir brauchen. Aber er gibt sie uns nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf Gott verlassen“.

1943 wurde Bonhoeffer verhaftet. Aber man konnte ihm keine große Schuld nachweisen. Im Gefängnis in Berlin konnte er sogar Briefe an seine Familie und seine Verlobte schreiben. Diese Briefe hat sein Freund später in dem bekannten Buch „Widerstand und Ergebung“ gesammelt. Bonhoeffer dachte im Gefängnis auch viel darüber nach, wie man mit dem modernen glaubenslosen Menschen über Gott sprechen kann.

Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 misslang. Viele Widerstandskämpfer wurden hingerichtet. Auch Bonhoeffer rechnete mit seinem baldigen Tod. So schrieb er zu Beginn des Jahres 1945 an seine Eltern dieses Gedicht::

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern,
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Im Frühjahr 1945 wurde Bonhoeffer in ein süddeutsches Konzentrationslager[5] gebracht. Schon hörte man die amerikanischen Geschütze. Kurz vor der Befreiung des KZ wurde er am 9. April auf persönlichen Befehl Hitlers hingerichtet. Seine letzten Worte an seine Mitgefangenen waren: „Das ist das Ende. Für mich aber der Beginn des Lebens“.

Hans Misdorf

Der Name Dietrich Bonhoeffer ist zum Symbol christlichen Widerstandes gegenüber der verbrecherischen, menschenverachtenden Willkürherrschaft des Nationalsozialismus in Deutschland geworden. Bonhoeffer war mehr als ein mutiger Pfarrer und Widerstandskämpfer, denn in einer Zeit, in der alles auf dem Kopf stand: die Gerechten ins Gefängnis kamen, Lüge und Hassparolen jede Zeitungsseite beherrschten -, in dieser Zeit, da Gott tatsächlich tot zu sein schien, zeichnete Bonhoeffer ein neues Bild vom Glauben in einer trostlosen Welt.

Bonhoeffers Theologie ist eine Theologie „aus dem Dunkel“, ein in der Nachfolge Jesu gewachsener Glaube, oft ähnlich einem vertrauensvollen Gespräch mit dem sich scheinbar verbergenden Gott. Die Anziehungskraft seiner Glaubens liegt wohl auch darin begründet, dass er Glauben in einer solchen Grenzsituation nicht nur theoretisch formuliert und gepredigt, sondern ihn gelebt hat. Er redet nicht nur von der Nachfolge Jesu, sondern vollzieht sie und erleidet sie auf einem ungewöhnlichen Weg. Mit seinem Tod am Galgen besiegelt er diesen Weg. Er wurde zum Zeugen Jesu Christi, der seinem Herrn bis in den Tod treu blieb.

Für seine Mitgefangenen schrieb Bonhoeffer im Gefängnis bewegende Gedichte:

Gott, zu Dir rufe ich in der Frühe des Tages.
Hilf mir beten
und meine Gedanken sammeln zu Dir,
ich kann es nicht allein.

In mir ist es finster,
aber bei Dir ist das Licht,
ich bin einsam, aber Du verlässt mich nicht.
Ich bin kleinmütig, aber bei Dir ist die Hilfe.
Ich bin unruhig, aber bei Dir ist der Friede.
In mir ist Bitterkeit, aber bei Dir ist die Geduld.
Ich verstehe Deine Wege nicht, aber-
Du weißt den Weg für mich.

Vor Dir denke ich an all die Meinen.
An die Mitgefangenen und an alle, die
in diesem Hause ihren schweren Dienst tun.
Herr, erbarme Dich!
Schenke mir die Freiheit wieder,
und lass mich derzeit so leben, wie ich es vor Dir und vor den Menschen
verantworten kann.
Herr, was dieser Tag auch bringt-
Dein Name sei gelobt!
Amen.

Der Artikel erschien in „Der Weg“ 4/2005

[1] bürgerlich: den gesellschaftlichen Normen entsprechend
[2] Matthäus 5-7
[3] bekennen: (hier) mutig reden, nämlich gegen das Unrecht des Nazi-Regimes
[4] das Konzentrationslager: ein Lager, in dem die Nationalsozialisten sehr viele Menschen gefangen hielten, folterten und ermordeten; Abk KZ
[5] das Konzentrationslager: ein Lager, in dem die Nationalsozialisten sehr viele Menschen gefangen hielten, folterten und ermordeten; Abk KZ


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