Annette von Droste-Hülshoff – eine große Dichterin

Weitere berühmte Deutsche

Meine Lieder werden bleiben,
wenn ich längst entschwand[1]:
Mancher wird vor ihnen beben[2],
der gleich mir empfand.
Ob ein anderer sie gegeben,
oder meine Hand!
Sieh, die Lieder durften leben, aber ich entschwand.

Mit solchem Selbstbewusstsein schrieb eine Frau, die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff.

Eine einsame Frau …

Geboren wurde sie 1797 in einer streng katholischen Adelsfamilie auf Schloss Hülshoff bei Münster in Westfalen. Trotz ihrer von ständigen Krankheiten gezeichneten Jugend erhielt sie eine umfassende Bildung. Arbeit im Haushalt, Tanz und andere Vergnügungen interessierten sie nicht. Stattdessen träumte sie lieber.

Sie war ein ernster, willensstarker und hilfsbereiter Mensch. Sie konnte aber auch humorvoll, witzig und ironisch sein und durch diese Eigenschaften eine ganze Gesellschaft unterhalten. Auch war sie sehr sensibel, fantasievoll und scharfsinnig. Aufgrund ihrer Eigenwilligkeit bereitete sie ihrer Familie oft Sorgen und manchen Ärger. Damals sollte eine junge Adlige möglichst früh heiraten und sich ausschließlich ihrer Familie widmen. Deshalb wollte ihre Familie, dass sie mit dem Dichten aufhört und spottete sogar gelegentlich über ihre Schriftstellerei. Die Dichterin musste auf ihre Familie Rücksicht nehmen, da sie ihr Geborgenheit und Schutz bot. Oft fühlte sie sich jedoch einsam und unverstanden. Der Erfolg ihrer Dichtkunst stellte sich erst spät ein.

In ihrem Gedicht „Am Turm“ schreibt sie:

Wär ich ein Jäger auf freier Flur,
ein Stück nur von einem Soldaten,
wär ich ein Mann doch mindestens nur,
so würde der Himmel mir raten.
Nun muss ich sitzen so fein und klar,
gleich einem artigen Kinde,
und darf nur heimlich lösen mein Haar
und lassen es flattern im Winde!

… und ungewöhnliche Dichterin

1820 ging eine Liebesbeziehung der Dichterin mit einem Studenten auseinander. Sie litt sehr darunter, dass ihre Familie die Heirat verhinderte. Seitdem lebte sie einsam und zurückgezogen in Westfalen. Diese Landschaft mit ihren bewaldeten Hügeln und Wiesentälern prägte ihre Dichtkunst ganz nachhaltig[3]. Sie hatte Verbindung zu einigen klugen Männern [4] und Frauen, die ihre Begabung erkannten und sie zum Dichten ermutigten. Ihre Lyrik ist geprägt durch realistische Wiedergabe der Wirklichkeit und eine außergewöhnliche Bildersprache. Ethische und religiöse Werte spielen in vielen ihrer Gedichte eine wesentliche Rolle. Außerdem beschreibt sie gern das Unheimliche und Spukhafte[5] der Heide-und Moorlandschaft ihrer westfälischen Heimat.

Ihr Gedicht „Der Knabe im Moor“ beginnt:

O, schaurig[6] ist`s, übers Moor zu gehn,
wenn es wimmelt[7] vom Heiderauche[8],
sich wie Phantome die Dünste[9] drehn
und die Ranke häkelt am Strauche[10].

In zahlreichen Gedichten spricht die Dichterin vom Sterben. Sie hat Mitleid mit dem Leiden anderer und trauert über das Älterwerden und die Vergänglichkeit der Dinge.

Sie fürchtet, Gott würde sie wegen ihrer Fehler verurteilen. Darüber zerbricht fast ihr Glaube an einen gütigen Gott. Trotz aller inneren Zerrissenheit lernt sie auch, Gott in persönlicher Not zu vertrauen:

Das ist mein Trost in allen Leiden:
dass nichts mich kann von Jesus scheiden,
von seiner Liebe keine Macht.

Seit dem Jahr 1841 lebt die Dichterin meist bei Schwester und Schwager auf der Meersburg am Bodensee in Süddeutschland. Dort stirbt sie 1848 nach langer Krankheit.

Bekannt wurde Annette v.Droste-Hülshoff vor allem durch die Erzählung „Die Judenbuche“, eine packende[11] Kriminalnovelle, die in viele Sprachen übersetzt wurde und durch ihre Naturlyrik[12]. Ihr dichterisches Selbstverständnis[13] hat die Autorin einmal so formuliert: „Ich mag und will jetzt nicht berühmt werden, aber nach hundert Jahren möchte ich gelesen werden.“ – Dies hat die Dichterin zweifellos erreicht!

Hans Misdorf

Der Artikel erschien in „Der Weg“ 1/2005

[1] entschwinden: nicht mehr sein
[2] beben: heftig zittern
[3] nachhaltig: (hier) in besonderer Weise
[4] z.B.:der Dichter Ludwig Uhland, die Schwester des Philosophen Schopenhauer, der Shakespeare-Übersetzer Gustav Schwab u.a.
[5] das Spukhafte: das Unheimliche [der Spuk: das Erscheinen eines Geistes oder Gespenstes]
[6] schaurig: unheimlich, sehr unangenehm
[7] es wimmelt von: es ist eine große Anzahl von Personen / Tieren / Dingen (irgendwo)
[8] der Heiderauch: der Nebel über der Heide
[9] der Dunst: leichter Nebel
[10] die Ranke häkelt: (hier) ein dünner Zweig hält sich (am Strauch) fest
[11] packend: sehr interessant; so, dass man nicht aufhören kann, sie zu lesen (oder anzusehen)
[12] Texte, die weit über ihre Zeit hinausweisen.
[13] das Selbstverständnis: (hier) die Art und Weise, wie sie selbst ihr dichterisches Werk sieht


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