Ingeborg Bachmann ****

Kurzbiografie

Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt/Österreich als älteste Tochter eines Schuldirektors geboren. Von 1945-1950 studierte sie Philosophie, Psychologie und Germanistik in Innsbruck, Graz und Wien. Von 1951-1953 arbeitete sie für den Wiener Radio-Sender Rot-Weiß-Rot und verfasste 1952 ihr erstes Hörspiel „Ein Geschäft mit Träumen“. Der literarische Durchbruch gelang ihr mit ihrer Lyrik bei einer Lesung der „Gruppe 47″ in Niendorf/Ostsee, zu der auch Siegfried Lenz, Heinrich Böll, Paul Celan und Günter Grass gehörten. Die „Gruppe 47″ zeichnete Bachmann 1953 mit dem Literaturpreis für ihren Gedichtband „Die gestundete Zeit“ aus. Von da an lebte Ingeborg Bachmann als freie Schriftstellerin in Italien. 1957 wurde sie mit dem Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen ausgezeichnet und zur Dramaturgin[1] beim Bayerischen Fernsehen in München berufen. 1958 beginnt Bachmann ihre bis 1963 währende Beziehung mit dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch. 1961 veröffentlicht sie ihren teilweise autobiographischen Erzählband „Das dreißigste Jahr“. 1971 erscheint ihr erster Roman „Malina“, der wie nachfolgende Romane und Erzählungen frauenbezogene Themen behandelt. Am 17. Oktober 1973 starb Ingeborg Bachmann in Rom an den Folgen schwerer Brandverletzungen.

Die gestundete Zeit

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschiednach
jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!

Es kommen härtere Tage.

Die Umstände ihres Todes konnten bis heute nicht endgültig geklärt werden. Sie starb in ihrem Bett, nachdem es Feuer gefangen hatte. Unklar bleibt, ob es ein Unfall oder Selbstmord war.

Bachmanns Gedichte und Hörspiele leben von starken Bildern. Sie versucht, ihre durch den 2. Weltkrieg bedingte Todesangst mittels einer starken Ablehnung der Gedanken der Wirtschaftswunder-Zeit zu verdrängen, anstatt sie zu verarbeiten.

Die Erzählung „ALLES“ aus dem Band „Das dreißigste Jahr“

Ein junger Vater versucht, seinen neugeborenen Sohn zu erziehen, ohne ihn dem Bösen der Welt auszusetzen. Er glaubt, dass das Kind von sich aus gut ist und nur durch schlechte Einflüsse zum Bösen verleitet wird. Er sieht in seinem Kind den ersten Menschen, durch den die Welt von Grund aus erneuert werden kann.

Um das Kind in eine andere Welt einzuwurzeln, versucht er, ihm die Wassersprache, die Steinsprache und die Blättersprache beizubringen. Es gelingt ihm jedoch nicht, das Kind über die Grenzen der üblichen Sprache und Denkgewohnheiten hinauszuführen. Je älter der Junge wird, desto mehr verliert er die Unschuld seiner ersten Tage. Zu seinem Entsetzen erkennt der Vater, wie der Sohn die Wege der Menschen einschlägt. So wächst im Vater die Überzeugung, dass auch sein Sohn zu allem fähig ist, nur nicht dazu, den Teufelskreis[2] der Welt zu durchbrechen. Auch in dem Jungen steckt das Böse.

Enttäuscht lässt der Vater ihn aus seiner Liebe fallen. Sein Hass überträgt sich auf alles, was von Menschen gemacht worden ist. All das hat ein Ende, als der Junge bei einem Schulausflug ums Leben kommt. Der Vater erkennt seine Schuld.

Die Erzählung von Ingeborg Bachmann sagt uns deutlich: Der Mensch überwindet diese unerlöste Welt nicht. Was von der Welt gezeugt wird, ist von der Welt und kann sie deshalb nicht über ihre Grenzen hinausführen.

Es gibt deutliche Parallelen zwischen dieser Geschichte und Gottes Heilsplan: Jesus kommt als unschuldiges Kind in diese Welt und bietet den Menschen Veränderung an, die durch eine Versöhnung mit Gott beginnt.


[1] der Dramaturg: jemand, der in einem Theater, bei Rundfunk oder beim Fernsehen Stücke (für die Aufführung) aussucht, die Texte bearbeitet usw.
[2] der Teufelskreis: eine ausweglose Situation, die durch eine Folge von negativen Faktoren oder Ereignissen entsteht, wobei immer eines die Ursache des anderen ist


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