Thomas Mann – Bürger [1] und Künstler

Thomas Mann zählt zu den bedeutendsten Erzählern deutscher Sprache im 20. Jahrhundert, aber er hasste die Deutschen, weil sie Hitler an die Macht gebracht und ihn in das Exil in die USA getrieben hatten, wo er von 1939 bis 1952 lebte. Gleichzeitig fühlte er sich immer als Deutscher. Er war hier aufgewachsen. Er liebte Deutschland und seine Kultur.

Bürger …

Thomas Mann wurde in der alten Handelsstadt Lübeck an der Ostsee 1875 geboren. Er kam aus einer vornehmen Familie. Sein Vater war Großkaufmann und Ratsherr[2].

So hat Thomas Mann sich immer als Bürger gefühlt. Bürger sein bedeutete für ihn: Gesund im Leben stehen, vernünftig handeln, fleißig sein und Geld verdienen, ein natürlicher Mensch sein mit Wärme und Humor, ethische Grundsätze haben, sich für Menschlichkeit und Demokratie einsetzen.

Das alles war Thomas Mann. Er war verheiratet, liebte seine Frau, mit der er sechs Kinder hatte; er war ein fleißiger Schriftsteller, der gut verdiente und vornehm lebte; er setzte sich für Vernunft und Menschlichkeit ein. Im Krieg hielt er von den USA aus für die Deutschen Ansprachen[3] gegen Hitler.

… und Künstler

Gleichzeitig aber, so meinte Thomas Mann, erlebt besonders der künstlerisch veranlagte Mensch häufig etwas Besonderes, Außerordentliches, zum Beispiel eine große Liebe. Nur dann kann ein Künstler ein großes Kunstwerk schaffen. Dabei durchbricht der Mensch aber die bürgerlichen Ordnungen (z.B. wenn er in eine fremde Ehe eindringt). Er ist zwar glücklich dabei, er kann dadurch große Kunstwerke hervorbringen. Aber er zerstört dabei auch oft sich selbst.

Im Gegensatz zum gesunden Bürger ist deshalb der Künstler zwar ein sensibler, genialer, aber zugleich ein kranker Mensch, ein Einsamer. Er ist „ein Bruder des Verbrechers und Verrückten“.

Thomas Mann blieb zwar in den Ordnungen des Bürgertums. Sie gaben ihm Sicherheit und schenkten ihm Freude am Leben. Aber er empfand auch immer die Gefahren des Künstlers, z.B. die Gefahr der Homosexualität.

In vielen seiner Erzählungen und Romane schildert Thomas Mann den außergewöhnlichen Menschen, den „Künstler“. Sein erstes großes Buch Die Buddenbrooks (1901) machte ihn berühmt. Es ist sein meistgelesenes und meistgeliebtes Buch. Er bekam dafür den Nobelpreis. Er erzählt darin den Verfall einer Lübecker Familie über vier Generationen (seiner eigenen) vom gesunden, erfolgreichen Kaufmann zum sensiblen[4], schwachen Künstler.

In seinem Roman Der Zauberberg (1924) sieht er die ganze europäische Kultur vom Verfall bedroht. In Josef und seine Brüder (1926-1942) ist Josef zwar auch ein genialer Einzelner, der aber neue, rettende Ordnungen schafft. Im Dr. Faustus (1947) endet der große Künstler im Wahnsinn.

Viele Personen in den Romanen Thomas Manns gehen äußerlich oder innerlich zugrunde; ebenso auch in seiner Familie Seine beiden Schwestern und zwei seiner Kinder starben durch Selbstmord, mehrere waren drogenabhängig und homosexuell.

Aus seinen Werken ist ersichtlich, dass Thomas Mann Gott nicht kannte. Wer sein Leben in die Hand Gottes gibt, muss nicht in den Gefahren des Lebens zugrunde gehen. Gott kann uns in allen Gefahren bewahren, wenn wir uns an ihm festhalten.

Thomas Mann ist der weltweit bekannteste moderne deutsche Schriftsteller. Er knüpft an die Erzähltechniken des 19. Jahrhunderts an, vor allem an den weit ausholenden Schreibstil L. Tolstois. Er schreibt ein vorbildliches Deutsch. Er erzählt interessant, immer mit etwas Spott und Ironie. Manns Romane, Erzählungen und Novellen spiegeln die vielschichtigen geistigen, kulturellen und gesellschaftlichen Befindlichkeiten[5] des 20. Jahrhunderts in ihrem Wandel, zum Teil in direktem zeitgeschichtlichem Bezug, zum Teil historisch eingekleidet.

Seine Bücher sind in etwa 10 Millionen Exemplaren weltweit verbreitet. Auch sein Bruder Heinrich, politisch links stehend, ist ein bekannter Schriftsteller. Die meisten Mitglieder der Familie Mann waren Schriftsteller.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Thomas Mann in der Schweiz. Dort starb er 1955.

Hans Misdorf

[1] der Bürger: (hier) jemand, der zu einer gehobenen Schicht der Gesellschaft gehört (aber nicht adelig ist)
[2] der Ratsherr: Mitglied eines [Stadt]rates
[3] die Ansprache: eine meist öffentliche Rede, die jemand zu einem meist festlichen Anlass hält
[4] sensibel: so, dass er auf Einflüsse stark reagiert und schnell verletzt ist È feinfühlig
[5] die Befindlichkeit: seelischer Zustand, in dem sich jmd. befindet


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