Die Schildürger bauen ein Rathaus

Geschichte von den Schildbürgern:

 

Der Plan, das neue Rathaus dreieckig zu bauen, stammte vom Schweinehirten[1]. Er hatte den schiefen Turm von Pisa erbaut, darum erklärte er stolz: „Ein dreieckiges Rathaus macht Schilda noch viel berühmter als Pisa!“ Die andern waren sehr zufrieden. Denn auch die Dummen werden gern berühmt. Das war im Mittelalter nicht anders als heute.

So gingen die Schildbürger schon am nächsten Tag an die Arbeit. Sechs Wochen später hatten sie die drei Mauern aufgebaut, es fehlte nur noch das Dach. Als das Dach fertig war, fand die feierliche Einweihung[2] des neuen Rathauses statt. Alle Einwohner gingen in das dreieckige Gebäude hinein.

Wie wird das Dunkel wieder hell?

Aber da stürzten sie auch schon durcheinander. Die drin waren, wollten wieder heraus. Die draußen standen, wollten hinein. Es gab ein fürchterliches Gedränge[3]! Endlich landeten[4] sie alle wieder im Freien[5]. Sie blickten einander ratlos an und fragten aufgeregt: „Was war denn eigentlich los?“ Der Schuhmacher überlegte und sagte: „In unserm Rathaus ist es dunkel!“

Da stimmten alle zu. Aber woran lag es? Lange wussten sie keine Antwort. Am Abend trafen sie sich im Wirtshaus. Sie besprachen, wie man Licht ins Rathaus hineinschaffen konnte. Erst nach dem fünften Glas Bier sagte der Hufschmied[6] nachdenklich: „Wir sollten das Licht wie Wasser hineintragen!“ „Hurra!“, riefen alle begeistert.

Am nächsten Tag schaufelten[7] die Schildbürger den Sonnenschein in Eimer und Kessel, Kannen und Töpfe. Andre hielten Kartoffelsäcke ins Sonnenlicht, banden dann die Säcke schnell zu und schleppten[8] sie ins Rathaus. Dort banden sie die Säcke auf, schütteten das Licht ins Dunkel und rannten wieder auf den Markt hinaus, wo sie die leeren Säcke wieder vollschaufelten. So machten sie es bis zum Sonnenuntergang. Aber im Rathaus war es noch dunkel wie am Tag zuvor. Da liefen alle traurig wieder ins Freie.

Das Rathaus ohne Dach

Wie sie so herumstanden, kam ein Landstreicher[9] vorbei. Er fragte: „Was ist denn los? Was fehlt euch?“ Sie erzählten ihm von ihrem Problem. Er dachte nach und sagte: „Kein Wunder, dass es in eurem Rathaus dunkel ist! Ihr müsst das Dach abdecken[10]!“ Sie waren sehr erstaunt und schlugen ihm vor, in Schilda zu bleiben, solange er es wollte. Tags darauf deckten die Schildbürger das Rathausdach ab, und es wurde im Rathaus sonnenhell! Es störte sie nicht, dass sie kein Dach über dem Kopf hatten! Das ging lange Zeit gut, bis es im Herbst regnete. Die Schildbürger, die gerade in ihrem Rathaus saßen, wurden bis auf die Haut nass. So rannten sie schnell nach Hause.

Ein Lichtstrahl im Dunkeln

Als sie am Morgen den Landstreicher um Rat fragen wollten, war er verschwunden. So versuchten sie es mit dem Rathaus ohne Dach. Als es dann aber zu schneien begann, deckten sie den Dachstuhl[11], wie vorher, mit Ziegeln. Nun war’s im Rathaus aber wieder ganz dunkel. Doch diesmal steckte sich jeder einen brennenden Holzspan[12] an den Hut. Leider erloschen die Späne schnell, und wieder saßen die Männer im Dunkeln. Plötzlich rief der Schuster: „Da! Ein Lichtstrahl!“ Tatsächlich! Durch ein Loch kam etwas Sonnenlicht herein. Alle blickten auf den Lichtstrahl. „O wir Esel! Wir haben ja die Fenster vergessen!“, riefen die Schildbürger. Noch am Abend waren die Fenster fertig. So wurden die Schildbürger durch die vergessenen Fenster berühmt. Es dauerte nicht lange, da kamen auch Reisende nach Schilda und ließen ihr Geld in der Stadt. „Seht ihr“, sagte der Ochsenwirt, „als wir gescheit[13] waren, mussten wir das Geld in der Fremde verdienen. Jetzt, da wir dumm geworden sind, bringt man’s uns ins Haus!“

 

[1] der Schweinehirt(e): jemand, der eine Herde von Schweinen (auf der Weide) bewacht
[2] die Einweihung: feierliche Zeremonie zur Eröffnung eines neuen Gebäudes
[3] das Gedränge: ein Durcheinander von vielen Menschen / Tieren auf engem Raum – Gewühl
[4] landen: (hier) an die genannte Stelle kommen, ohne dass dies so geplant war – irgendwohin gelangen
[5] im Freien: nicht in einem Gebäude, sondern draußen
[6] der Hufschmied: ein Schmied, der Pferde mit Hufeisen beschlägt
[7] schaufeln: etwas mit einer Schaufel, in den hohlen Händen o.Ä. irgendwohin bewegen
[8] schleppen: etwas Schweres mit viel Mühe (irgendwohin) tragen
[9] der Landstreicher: jemand, der keine Wohnung hat und von einem Ort zum anderen geht – Vagabund, Bettler
[10] abdecken: (hier) das Dach eines Gebäudes entfernen
[11] der Dachstuhl: eine Konstruktion aus Balken o.Ä., an der die (Dach)Ziegel befestigt werden
[12] der Holzspan: ein kleines, dünnes Holzstäbchen
[13] gescheit: mit viel Verstand, Intelligenz – klug


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