Geschichte von den Schildbürgern

Geschichte von den Schildbürgern:

 

Die Schildbürger: Der versalzene Gemeindeacker **

Eines Tages wurde in Schilda[1] das Salz knapp. Und die Händler hatten keines zu verkaufen.

„In Salzburg[2] ist Krieg“, erzählten sie, „wir müssen warten, bis der Krieg vorüber ist.“. Das gefiel den Schildbürgern nicht. Denn Butterbrot, Kartoffeln und Suppen ohne Salz schmeckten ihnen und ihren Kindern ganz und gar nicht.

Warum kann Salz nicht wachsen?

Deshalb überlegten sie, was sie tun sollten. Und weil ihr Rathaus nun helle Fenster hatte, fiel ihnen auch gleich etwas Pfiffiges[3] ein. „Da der Zucker auf Feldern wächst“, meinte einer, „brauchen wir auf dem Gemeindeacker nur Salz auszusäen[4]. Dann haben wir unser eigenes Salz!“

So geschah es. Sie streuten die Hälfte ihres Salzvorrats auf den Acker.

Dann stellten sie Wachposten an den Rändern des Feldes auf. Die sollten aufpassen, dass keine Vögel das Salz stahlen. Dann warteten sie ab. Schon nach ein paar Wochen grünte der Acker. Das Salzkraut schoss[5] nur so in die Höhe. Aber die Vögel blieben zum Glück aus. Und die Schildbürger rechneten schon nach, wie viel Salz sie ernten würden. „Hundert Zentner[6]“, meinten sie, „können wir sogar exportieren.“

Das „Salz“ ist in Gefahr

Doch da kamen die Kühe und Ziegen aus dem Nachbardorf! Sie trampelten[7] in dem herrlich wachsenden Salzkraut herum. Die Feldhüter schossen, was das Zeug[8] hielt. Doch das Vieh machte sich nichts draus. Die Schildbürger wussten sich wieder einmal keinen Rat. Bis der Hufschmied[9] mit einem Stock in der Hand aufs Feld stürzen wollte, um die Tiere zu verjagen. „Bist du verrückt?“, schrie der Bäcker. „Willst auch du noch unser Kraut niedertrampeln?“ Und sie hielten ihn fest. Da rief er: „Wie sonst soll ich das Vieh vertreiben, wenn ich nicht ins Feld laufen darf?“

„Ich weiß“, sagte der Schulmeister, „du setzt dich auf ein Brett. Vier von uns heben dich hoch und tragen dich ins Feld. Auf diese Weise wirst du kein einziges Hälmchen[10] zertreten.“ Alle waren von dem Vorschlag begeistert. Man trug den Schmied zu viert über den Acker, und er verjagte das Vieh und berührte keinen Halm!

Das „Salz“ ist zu salzig!

Eine Woche später gerieten ein paar Kinder beim Spielen ins Salzkraut hinein. Sie waren barfuß, sprangen schreiend wieder heraus und rannten weg. „Es beißt schon!“, riefen sie aufgeregt und zeigten ihre rot befleckten Füße und Waden[11], die fürchterlich brannten.

„Das Salz ist reif!“ rief der Schweinehirt. „Auf zur Ernte!“ Die Schildbürger ließen ihre Arbeit stehen und liegen und fuhren mit Sicheln[12], Sensen[13] und Dreschflegeln[14] zum Gemeindeacker. Das Salzkraut biss ihnen in die Beine und zerkratzte ihnen die bloßen Arme. Dicke Tränen rollten ihnen über die Backen. Und es dauerte gar nicht lange, da warfen sie die Sensen und Sicheln weg, sprangen weinend aus dem Acker, fuchtelten[15] mit den brennenden Armen, Händen und Beinen im Wind und fuhren zur Stadt zurück. „Nun?“ fragten ihre Frauen, „habt ihr das Salz schon abgeerntet?“ Die Männer steckten die Hände und Füße ins kalte Wasser und sagten: „Nein. Es hat keinen Zweck. Das Salz ist uns zu salzig!“

Ihr wisst natürlich längst, was so beißen konnte. Es waren Brennnesseln[16]! Ihr wisst es, und ich weiß es. Wir sind ja auch viel klüger, als es die Schildbürger waren!

[1] Stadt, in der die Schildbürger wohnen
[2] Stadt in Österreich (hier humorvoll gemeint)
[3] pfiffig: intelligent, geschickt und mit Humor und Fantasie – gewitzt, schlau
[4] aussäen: säen Samen auf einem Feld oder Beet verteilen
[5] schießen: (hier) sehr schnell wachsen
[6] der Zentner: 50 Kilogramm
[7] trampeln: mit beiden Füßen abwechselnd kurz und fest stampfen
[8] was das Zeug hält: mit aller Kraft
[9] der Hufschmied: ein Schmied, der Pferde mit Hufeisen beschlägt
[10] der Halm: der (meist hohle) Stängel von Gräsern und Getreide (Hälmchen = Verkleinerungsform)
[11] die Wade: die hintere Seite des Unterschenkels beim Menschen
[12] die Sichel: ein Gerät mit einem kleinen Griff aus Holz und einem flachen, scharfen und gebogenen Stück aus Metall. Mit einer Sichel schneidet man (kleine Flächen von) Gras
[13] die Sense: ein Gerät mit einer scharfen, spitzen und leicht gebogenen Schneide an einem langen Stiel, mit dem man besonders Gras mäht
[14] der Dreschflegel: Gerät zum Dreschen mit der Hand mit starkem hölzernem Stiel, an dessen oberem Ende mit kurzen Riemen ein Knüppel aus Hartholz beweglich befestigt ist
[15] mit den Armen fuchteln: (ugspr.) die Arme schnell in der Luft hin und her bewegen
[16] die Brennnessel: eine Pflanze, deren Blätter feine Haare haben, die (bei Berührung) unangenehm juckende Flecken auf der Haut verursachen


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