Die Schildbürger: Der Kaiser kommt zu Besuch **

Geschichte von den Schildbürgern:

 

Wer am besten reimt, wird Bürgermeister

Schilda gehörte zum Kaiserreich Utopia[1]. Und so ist es kein Wunder, dass der Kaiser bald von der Dummheit der Schildbürger hörte. In früheren Jahren hatte er sich oft bei ihnen Rat geholt, deshalb hielt er das für ein Gerücht[2] und Gerede. So beschloss er, selbst einmal nach Schilda zu reisen.

Er ließ ihnen sagen, sie sollten ihm „halb geritten und halb gegangen“ entgegenkommen. Und wenn sich ihre Antwort auf seine Begrüßungsworte reime, so werde er Schilda zur freien Reichsstadt[3] ernennen. Auch sollten die Einwohner dann keine Steuern mehr bezahlen. Die Aufregung in Schilda war natürlich groß. Denn wer von ihnen sollte dem Kaiser antworten? Noch dazu in gereimter Form?

„Das ist doch sonnenklar!“, rief der Schuster. „Unser Bürgermeister muss das tun.“ Der Bäcker erwiderte: „Wir haben doch gar keinen Bürgermeister!“ Tatsächlich! Sie hatten vergessen, einen Bürgermeister zu wählen! „Und wen wollen wir wählen?“, fragte der Schweinehirt. Da meinte der Ochsenwirt: „Den, der bis morgen das beste Gedicht macht.“

Der Vorschlag gefiel ihnen sehr. Und sie gingen schnell nach Hause, um etwas Hübsches zu dichten. Jeder wollte selbstverständlich gerne Bürgermeister werden. In der Nacht lag jeder in seinem Bett und versuchte, irgendetwas zu reimen. Der Schweinehirt dichtete so angestrengt, dass seine Frau davon aufwachte. „Was ist los mit dir?“, fragte sie ihn. „Ich finde keinen Reim und möchte doch Bürgermeister werden!“ „Würde ich dann Bürgermeisterin?“, erkundigte sie sich. Im Nu hatte sie ein Gedicht für ihn fix und fertig[4]: „Katrine heißt die Gattin mein, möcht gerne Bürgermeist’rin sein, ist schöner als mein schönstes Schwein und trinkt am liebsten Moselwein.“ Sie sprach ihm das Gedicht neunundneunzigmal vor, und er musste es neunundneunzigmal nachsprechen.

Am nächsten Morgen wurden im Rathaus die Gedichte aufgesagt. Die meisten Gedichte waren nicht viel wert. Der Schuster sagte: „Ich bin ein Bürger und kein Bauer und mache mir das Leben bitter.“ Der Hufschmied dichtete: „Ich bin ein Bürger und kein Ritter und mache mir das Leben sauer.“ Doch auch seine Verse gefielen nicht, bis dann der Schweinehirt mit lauter Stimme sagte: „Meine Frau, die heißt Katrin, wär gerne Bürgermeisterin, ist schwerer als das schwerste Schwein und trinkt am liebsten Bayrisch Bier.“ Dass er damit den Vogel abschoss[5], war sonnenklar. Alle jubelten dem Bürgermeister von Schilda zu. Und er und seine Frau waren aufeinander sehr stolz.

Der Kaiser kommt

Bald schon hatten sie ein neues Problem. Wie sollten sie dem Kaiser „halb geritten und halb gegangen“ entgegenkommen? Eigentlich hatte der Kaiser gemeint, wer kein Pferd hat, kann auch zu Fuß kommen. Aber der neue Bürgermeister hatte einen Einfall. „Wenn wir hölzerne Steckenpferde[6] reiten“, sagte er, „wären wir halb zu Pferd und halb zu Fuß!“ Die Idee fanden alle gut.

Also schnitzten sie sich bunte Steckenpferde, und als der Kaiser ankam, ritt ihm ganz Schilda auf Holzpferdchen entgegen. Das freute den Kaiser sehr. Deswegen war er dem Bürgermeister auch nicht böse, als dieser auf seine Grußworte keinen Reim wusste. Und die Steuer erließ er ihnen trotzdem. Das freute alle. Und so wurde der Aufenthalt des Kaisers zu einem richtigen Fest. Er lachte in einem fort, und weil das Lachen gesund sei, blieb er sogar einen Tag länger.

Zum Abschied schenkten sie ihm einen Topf mit Senf, aber der Bürgermeister ließ den Topf fallen. Schnell bückte er sich und griff eine Hand voll Senf. Er wollte den Kaiser wenigstens kosten[7] lassen, aber der hatte keinen Appetit. Noch lange ritten sie neben dem Wagen her, bis ihre Holzpferde müde wurden. Der Kaiser schüttelte dem Bürgermeister gnädig die Hand. Leider war es die Hand, die er in den Senf getan hatte. Er merkte es aber gar nicht. Nur der Kaiser, der merkte es.


[1] von die Utopie: eine Idee oder ein Plan, die so fantastisch sind, dass man sie nicht verwirklichen kann
[2] das Gerücht: eine Neuigkeit oder Nachricht, die sich verbreitet, ohne dass man weiß, ob sie wirklich wahr ist
[3] Stadt, die von bestimmten Reichspflichten (Heerfahrt, Jahressteuer) frei war.
[4] fix und fertig: mit einer Arbeit, einem Tun ganz fertig, zum vollständigen Abschluss gelangt
[5] den Vogel abschießen: den größten Erfolg haben. Die Wendung bezieht sich darauf, dass früher bei volkstümlichen Schützenfesten auf einen Holzvogel auf einer Stange geschossen wurde. Wer den Vogel von der Stange herunterschoss, wurde Schützenkönig.
[6] das Steckenpferd: (hier) ein Stab (aus Holz) mit einem Pferdekopf, den Kinder als Spielzeug verwenden
[7] kosten: (hier) eine kleine Menge von etwas essen oder trinken, um zu prüfen, wie etwas schmeckt – probieren


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