Die Folgen der Dummheit für Schilda und die übrige Welt **

Geschichte von den Schildbürgern:

 

Man kann es fast nicht glauben, aber in Schilda hatte man noch nie eine Katze gesehen! Aber Mäuse waren überall, auch beim Bäcker und nicht zuletzt beim Ochsenwirt. Bei diesem kehrte eines Tags ein Wanderer ein[1], der eine Katze bei sich hatte. Da die Schildaer Mäuse nicht wussten, was eine Katze ist, waren sie sehr zutraulich[2], und bald hatte die fremde Katze zwei Dutzend Mäuse getötet. Man wollte nun wissen, wie das Tier heißt und wie viel es kostet. „Maushund heißt es”, sagte der Wandersmann, „und weil Maushunde sehr selten sind, kostet mein schönes Exemplar hundert Gulden[3]

So geschah es, dass sie sich die Katze kauften. Als der Wanderer das Geld bekommen hatte, machte er sich aus dem Staub [4]. Kaum war er aus dem Stadttor hinaus, kam ihm auch schon jemand nachgelaufen. Er wollte wissen, womit man den Maushund füttern muss. Der Wanderer rief ihm zu: „Nur Speck frisst er nie!”

Da lief der Schildbürger verzweifelt in die Stadt zurück. Er hatte in der Eile verstanden: „Nur Menschen und Vieh!” Da bekamen sie einen großen Schreck. „Wenn wir keine Mäuse mehr haben werden, wird er unser Vieh und uns selber fressen!” riefen sie ganz entsetzt. „Wo hat er sich versteckt?” „Im Rathaus!” So umzingelten[5] sie das Rathaus, doch die Katze ließ sich nicht fangen.

Da steckten sie das Rathaus in Brand[6], um das Tier auszuräuchern[7]. Als es der Katze zu heiß wurde, kletterte sie aufs Rathausdach, sprang dann aufs Nachbardach und putzte sich mit der Pfote den Bart. „Er droht uns!”, rief der Schmied. Der Bäcker rief voller Angst: „Er will uns jetzt essen!” Da zündeten sie das Nachbarhaus an. Und weil die Katze von Dach zu Dach sprang und die Schildbürger in ihrer Todesangst Haus um Haus anzündeten, brannte um Mitternacht die ganze Stadt.

Am nächsten Morgen lag ganz Schilda in Schutt und Asche[8]. Die Katze war vor Schreck in die Wiesen gelaufen und verschwunden. Nun saßen die Schildbürger auf den Trümmern [9] ihrer Stadt. Sie waren froh, nicht gefressen worden zu sein, und beschlossen, in alle Himmelsrichtungen [10] auszuwandern.

Das taten sie auch. Und so kommt es, dass es heutzutage die Stadt Schilda und die Schildbürger nicht mehr gibt. Das heißt: Es gibt sie natürlich noch. Ihre Enkel und Urenkel[11] und deren Enkel und Urenkel leben über die ganze Erde verstreut. Sie wissen gar nicht mehr, dass sie von den Schildbürgern abstammen. Von Leuten also, die sich dumm stellten, um glücklich zu werden. Und dann gerieten sie ins Unglück, weil sie dumm wurden. Und sie können es auch gar nicht wissen. Denn heutzutage werden die Dummen berühmt und bekannt. Sie kommen zu Geld und Glück genauso wie die Klugen. Woran sollten also die Dummen auf unserer Erde merken, dass sie dumm sind?

An einem einzigen Merkmal kann man die Dummen erkennen: Mit dem, was sie erreicht haben, sind sie selten, aber mit sich selber sind sie immer zufrieden. Passt also gut auf! Bei den anderen. Und bei wem noch? Ganz recht, bei euch selbst!

Hiermit endet unsere Serie über die Schildbürger. Wir hoffen, die Geschichten haben euch viel Freude gemacht. In der nächsten Ausgabe des „Weges” beginnen wir eine neue Serie über deutsche Sagen und Erzählungen.

Der Artikel erschien in „Der Weg“ 2/2004

[1] Einkehren: eine Fahrt, einen Spaziergang o.Ä. unterbrechen, um in ein Gasthaus zu gehen
[2] zutraulich: ohne Angst oder Scheu
[3] der Gulden: eine Gold- bzw. später Silbermünze, die man vom 14. bis 19. Jahrhundert besonders in Deutschland verwendet hat
[4] aus dem Staub machen: (Sprw.; gespr.): sich schnell und heimlich entfernen
[5] umzingeln: viele Personen stellen sich um jemanden / etwas herum (besonders um jemanden zu fangen oder um etwas zu erobern)
[6] etw. in Brand setzen / stecken: etwas anzünden (in der Absicht, dass es niederbrennt)
[7] ausräuchern: durch Rauch oder Gas von Ungeziefer befreien
[8] in Schutt und Asche liegen: völlig zerstört und niedergebrannt
[9] die Trümmer: die Reste, die einzelnen Teile eines zerstörten Ganzen
[10] in alle Himmelsrichtungen: nach allen Seiten, überall hin
[11] der Urenkel: der Sohn von jmds. Enkel (=das Kind von jmds. Sohn oder Tochter) oder Enkelin


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