Sommergedichte

Sommergesang

Geh aus mein Herz und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben.
Schau an der schönen Gärten Zier[1]
und siehe, wie sie dir und mir
sich ausgeschmücket haben.

Die Bäume stehen voller Laub,
das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide;
Narzissus[2] und die Tulipan[3],
die ziehen sich viel schöner an,
als Salomonis[4] Seide.

Die Lerche[5] schwingt[6] sich in die Luft,
das Täublein fleucht[7] aus seiner Kluft[8]
und macht sich in die Wälder;
die hochbegabte Nachtigall

ergötzt[9] und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder.

Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen[10],
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen[11].

Paul Gerhardt

 

Der Schmetterling

Der Schmetterling ist in die Rose verliebt,
umflattert[12] sie tausendmal,
ihn selber aber, goldig zart,
umflattert der liebende Sonnenstrahl.

Jedoch, in wen ist die Rose verliebt?
Das wüßt ich gar zu gern.
Ist es die singende Nachtigall?
Ist es der schweigende Abendstern?

Ich weiß nicht, in wen die Rose verliebt;
ich aber lieb euch all:
Rose, Schmetterling, Sonnenstrahl,
Abendstern und Nachtigall.

HEINRICH HEINE

(aus „Neuer Frühling“)

Guter Rat

An einem Sommermorgen
da nimm den Wanderstab,
es fallen deine Sorgen
wie Nebel von dir ab.

Des Himmels heitre Bläue
lacht dir ins Herz hinein
und schließt, wie Gottes Treue,
mit seinem Dach dich ein.

Rings Blüten nur und Triebe[13]
und Halme[14] von Segen schwer,
dir ist, als zöge die Liebe
des Weges nebenher.

So heimisch alles klingt
als wie im Vaterhaus,
und über die Lerchen schwingt
die Seele sich hinaus.

THEODOR FONTANE

Sommermittag

Nun ist es still um Hof und Scheuer[15],
und in der Mühle ruht der Stein;
der Birnenbaum mit blanken[16] Blättern
steht regungslos[17] im Sonnenschein.

Die Bienen summen so verschlafen;
und in der offnen Bodenluk‘[18],
benebelt[19] von dem Duft des Heues,
im grauen Röcklein schläft der Puk[20].

Der Müller schnarcht und das Gesinde[21],
und nur die Tochter wacht im Haus;
die lachet still und zieht sich heimlich
fürsichtig[22] die Pantoffeln aus.

Sie geht und weckt den Müllerburschen[23],
der kaum den schweren[24] Augen traut[25]:
“Nun küsse mich, verliebter Junge!
Doch sauber[26], sauber! Nicht zu laut.“

THEODOR STORM

Ferien

Hurra, hurra!
Nun sind die Ferien da!
Ade[27], du Schulhausbank,
nun geht es frei und frank[28]
die schöne Welt entlang
zum fernen Meeresstrande,
zu des Gebirges Rande,
zum Onkel auf dem Lande!
Hurra, hurra!
Nun sind die Ferien da!

[1] die Zier: veraltet – Zierde (=etwas, das durch seine Anwesenheit bewirkt, dass etwas schöner aussieht – Schmuck)
[2] die Narzisse: eine Blume mit langen, schmalen Blättern und weißen oder gelben Blüten, die im Frühling blüht
[3] die Tulpe: eine (Garten)Blume mit einer Blüte in der Form eines Kelches
[4] Salomo: König von Israel und Juda (965-926 v.Chr.), Sohn Davids
[5] die Lerche: ein kleiner bräunlicher (Sing)Vogel, der steil in die Höhe fliegen kann
[6] schwingt sich in die Luft: (hier)geschr; ein Vogel fängt an zu fliegen
[7] fleuchen: (ältere Form von ) fliegen
[8] die Kluft: eine tiefe, große Spalte in einem Berg oder Fels
[9] ergötzen: (hier) etwas macht jemandem Spaß oder Freude
[10] der Sinn: (hier) Gedanken, Denken
[11] rinnen: (eigtl.) etwas fließt gleichmäßig mit wenig Druck
[12] umflattern: umfliegen; um etwas herum flattern, fliegen
[13] der Trieb: (hier) ein neu gewachsener Teil einer Pflanze – Spross
[14] der Halm: der (meist hohle) Stängel von Gräsern und Getreide
[15] die Scheuer: Scheune (=ein Gebäude, in dem ein Bauer besonders Heu und Stroh aufbewahrt)
[16] blank: glatt und glänzend
[17] regungslos: ohne jede Bewegung
[18] die Bodenluke: Dachluke (die Luke = ein kleines Fenster oder eine kleine (verschließbare) Öffnung
[19] benebelt: (hier bildlich) leicht betrunken
[20] der Puk: eine Märchengestalt, die auf dem Dachboden wohnt, nachts aktiv ist und sich unsichtbar machen kann
[21] das Gesinde: veraltet; alle Knechte und Mägde, besonders auf einem Bauernhof
[22] vorsichtig
[23] der Bursche: ein junger Mann (im Alter zwischen ca. 14 und 20 Jahren) – Jugendliche(r)
[24] vom Schlaf sind die Augenlider noch schwer
[25] seinen Augen kaum / nicht trauen über etwas, das man sieht, so überrascht sein, dass man es kaum glauben kann
[26] sauber: (hier) ruhig, vernünftig und anständig
[27] ade: verwendet als Abschiedsgruß – auf Wiedersehen, leb(t) wohl
[28] frei und frank: offen und ehrlich


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