Ein Aupair-Aufenthalt und seine Vorteile ****

Jeder Mensch lernt sich sein ganzes Leben lang kennen, oder er versucht es zumindest. Er macht das auf verschiedene Weise. So will sich z. B. jemand durch einen harten Job kennenlernen, der andere unternimmt eine abenteuerliche Reise, der Dritte lernt sich durch eine extreme Situation kennen, der Vierte füllt trotz allem die Bewerbungsunterlagen in einer Au-Pair-Agentur aus, und voller Angst vor dem Unbekannten reist er nach Deutschland.

Da ich schon seit vielen Jahren Deutsch studiere, habe ich diese Möglichkeit für mich ausgewählt. Und jetzt will ich in diesem kurzen Bericht über die Vorteile eines Aupair-Aufenthaltes schreiben und vielleicht auch denjenigen positiv beeinflussen, dem die Entscheidung schwer fällt, als Aupair nach Deutschland zu gehen. Die deutschen Lehrbücher können ganz perfekt zusammengestellt sein, aber sie ersetzen nie den lebendigen Umgang mit den Deutschen und ihrer Sprache.

Ein Aupair-Aufenthalt ist eine Möglichkeit, sich selbst zu entdecken, in sich Toleranz zu entwickeln, viel von der Welt zu sehen und „Spezialitäten“ des fremden Landes zu probieren, sowie natürlich die Sprachkenntnisse zu vervollkommnen. Ich wollte alles, was „deutsch“ ist, selbst erleben.

Am Anfang war es sehr schwer: ein fremdes Land, eine fremde Familie, eine fremde Umgebung, die sich von meiner vorherigen unterschied, die eine ganz andere Denkweise hatte. Es ist sehr schwer, sich unter solchen Umständen nicht zu verlieren. In der Regel hat fast jeder, der nach Deutschland kommt, Schwierigkeiten mit dem Hörverstehen. Und das ist ganz normal, weil die Ohren nicht daran gewöhnt sind, von früh bis spät die deutsche Sprache zu hören. Genau so war es auch in meinem Fall. Ich habe vergessen, dass ich an der Universität gute Noten in Deutsch hatte, besonders wenn die Menschen um mich herum schwäbisch geredet haben:

Guten Morgen! – Guada Morga!
Aber nein! – Hanôi!
Auf Wiedersehen! – Adé!
Das ist – Deß isch..!
Wir – – mir
So-jetzt – Sodele-etzedle!
Verflixt! – Haidanai!
Ich hätte gern – I breichd

Als ich zum erstenmal Schwäbisch gehört hatte, fragte ich mich: Was habe ich eigentlich vier Jahre an der Uni gemacht? Ich habe viel über die Dialekte der deutschen Sprache gehört, aber dass sie sich so sehr von dem „Original“ unterscheiden, habe ich gar nicht gewusst!

Das Unbehagen hat nicht lange gedauert. Ich begann mich nach ein paar Wochen viel leichter zu fühlen und konnte sogar den Dialekt des Gebietes, in dem ich mich befand, verstehen.

Der Aufenthalt als Aupair hat in mir Toleranz entwickelt, eine Eigenschaft, die als ein wesentliches Element der modernen Welt gilt. Wer diese Eigenschaft besitzt, kann am Dialog der Kulturen teilnehmen. Toleranz ist eine Tugend, eine Art der Kunst, in der Welt verschiedener Menschen und Ideen zu leben, eigene Rechte und Freiheiten zu haben und dabei die Rechte der anderen zu akzeptieren. Meiner Ansicht nach ist das die erste und allerwichtigste Voraussetzung des Friedens.

Der Aupair-Aufenthalt hat mir eine Möglichkeit gegeben, mich selbst einzuschätzen, positive Erfahrungen zu sammeln, die ich jetzt anwende. Ich habe im Rahmen meines Aufenthaltes viel von der Welt gesehen – Dänemark, die Schweiz, Österreich, Polen, Weißrussland – das hat mir geholfen, die Art und Weise meiner weiteren Tätigkeit zu bestimmen.

Der Aufenthalt als Aupair hat mir eine Möglichkeit gegeben, meine eigene Kultur mit den anderen zu vergleichen. Ich habe verschiedene Meinungen von anderen Aupairs gehört, dass die Deutschen pünktlichkeitsbesessen seien, von einander Distanz halten, gleichgültig seien etc. Es gibt so etwas wie „Kulturunterschiede“. Man muss dabei die Tatsache akzeptieren, dass das, was für einen Russen gut und richtig ist, nicht das Gleiche auch für einen Deutschen bedeutet und auch umgekehrt.

Die Arbeit als Aupair hat mir vieles gegeben. Sie hat mir geholfen, mir meine eigene Weltanschauung zu bilden, selbständiger und ernsthafter zu werden, eigene Probleme nicht den Eltern zu überlassen, sondern die Eltern zu entlasten und sogar zu unterstützen. Ich habe durch diesen Aufenthalt verstanden, dass der Mensch vor allem auf sich selbst angewiesen sein muss.

Anders gesagt habe ich durch diesen Aupair-Aufenthalt das Leben, mich selbst, aber auch meine große Liebe – jetzt schon mein Mann – kennengelernt. So ist Deutsch mein Ein und Alles geworden – mein „Ich” und mein Beruf und auch meine Liebe.

Sarina

Der Artikel erschien in „Der Weg“ 2/2009


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