Erfurt, Landeshauptstadt Thüringens ****

Bereits im Jahr 706 wurde an einer Furt durch den Fluss Gera in Thüringen ein Benediktiner-kloster gegründet. Bald entstand in der Nähe des Klosters eine “volkreiche Siedlung“, damit war die Voraussetzung für den Ausbau eines missionarischen Zentrums und für eine Bistumsgründung gegeben. Im Jahr 742 wird Erfurt zum ersten Mal in einer Urkunde erwähnt. Bischof Bonifatius schrieb einen Brief an den Papst nach Rom und bat ihn, das neue Bistum „Erphesfurt“ zu bestätigen.

Nach dem Tod von Bonifatius im Jahr 754 wurde das Bistum Erfurt dem Bistum Mainz unterstellt. Mainz übte für fast 1000 Jahre einen wesentlichen Einfluss auf die geistliche und kulturelle Entwicklung von Erfurt aus. Bald wurde Erfurt auch ein wichtiges Zentrum der weltlichen Macht. So hielt Kaiser Friedrich I. Barbarossa im 12. Jahrhundert 5 Reichstage in Erfurt ab.

Zwischen dem Petersberg, auf dem sich seit dem 8. Jahrhundert eine befestigte Burganlage befand, und dem Domhügel führte die weltberühmte Handelsstraße „via regia“ entlang. Kaufleute zogen durch die Stadt, Handwerk und Gewerbe entwickelten sich. Schon im frühen Mittelalter wurde auf Feldern vor der Stadt die Pflanze „isalis tinctoria“ angebaut, aus der ein blaues Färbemittel für Textilien gewonnen wurde. Das Textilgewerbe bildete die Grundlage für den Wohlstand der Bürger der Stadt. Im 14./ 15. Jahrhundert wurde Erfurt eine der reichsten und mächtigsten Städte Deutschlands. Seit 1348 besaß Erfurt eigenes Münzrecht. Nach der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg in Mainz entstanden auch in Erfurt viele Druckereien. In den 4 Klosterschulen widmeten sich die Mönche und Studenten medizinischen, astronomischen, naturwissenschaftlichen und Sprachstudien. 1392 wurde in Erfurt eine Universität gegründet. Weithin bekannt war der Erfurter Humanistenkreis, der Verbindung mit berühmten Gelehrten wie Erasmus von Rotterdam und Ulrich von Hutten pflegte. Von 1501- 1505 studierte der Reformator Martin Luther an der Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Auseinandersetzungen zwischen dem Bürgertum und dem Stadtrat und der wirtschaftliche Aufstieg anderer Handelsstädte- vor allem Leipzig- führten dazu, dass Erfurt an Macht und wirtschaftlichem Einfluss verlor.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde Erfurt im Jahre 1631 von den Schweden besetzt. Nach 1648 geriet die Stadt zwischen die Fronten der politischen Machtinteressen des Adels. 1648 eroberte der Mainzer Erzbischof Erfurt und übernahm erneut die Stadtherrschaft, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts andauerte. Danach kam Erfurt unter preußische Herrschaft. Die Schließung der Universität im Jahre 1816 setzte den Schlusspunkt unter Erfurts große Tradition als wissenschaftliches Zentrum des Mittelalters. Während des 2. Weltkrieges ist Erfurt nicht sehr zerstört worden.

Heute blickt Erfurt auf über 1260 Jahre bewegte Geschichte zurück. Die historische Altstadt mit den prächtigen, reich verzierten Bürgerhäusern und einer Vielzahl gotischer Kirchen aus dem späten Mittelalter ist in ihrer ursprünglichen Struktur erhalten geblieben. Erfurts bekannteste Straße ist der „Anger“. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Straße zum Einkaufszentrum und Wohnviertel für wohlhabende Bürger. Gedenktafeln an den prächtigen, mit reichen Ornamenten verzierten Fassaden der Häuser erinnern an Prominente, die in der Stadt gelebt haben, z.B. Wieland, Goethe, Schiller, Wilhelm von Humboldt. Neben dem Renaissanceportal des Hauses „Zum güldenen Hecht“ kann man auf einer Inschrift lesen, dass sich 1789 Friedrich Schiller und Charlotte von Lengefeld in diesem Haus verlobt haben. Das Haus Nr.11 beherbergte im Dreißigjährigen Krieg die schwedische Statthalterei[1].

Hier nahm Königin Marie Eleonore von Schweden 1632 die Nachricht vom Tode ihres Mannes, König Gustav Adolf, in der Schlacht bei Lützen entgegen. Im Haus daneben fand 1806 eine geheime Begegnung zwischen Zar Alexander I. und Kaiser Napoleon Bonaparte statt, und wenig später trafen sich in diesem Haus Goethe und Napoleon.

Eine touristische Attraktion besonderer Art ist die Krämerbrücke aus dem 12. Jahrhundert. 32 Fachwerkhäuser stehen zu beiden Seiten der 185m langen Brücke über den Fluss Gera. Ihren Namen bekam die Brücke von den als Krämer benannten kleinen Händlern, die früher in winzigen Läden in den Untergeschossen ihrer Häuser den Vorüberfahrenden ihre Waren anboten. Heute kann man hier geschmackvolles Kunsthandwerk, Textilien, Tee, Schokolade und seltene Gewürze kaufen.

In unmittelbarer Nähe befindet sich das 1277 gegründete Augustinerkloster – heute ein Frauenkloster – in dem Martin Luther 1507 zum Priester geweiht wurde. Jedoch verließ er 1511 Erfurt und ging an die Universität Wittenberg, um dort Theologie zu lehren.

In der Altstadt von Erfurt gibt es eine große Anzahl gotischer Kirchen mit kostbaren Kunstschätzen aus dem Mittelalter. Besonders erwähnenswert ist die Barfüßerkirche aus dem 13. Jahrhundert, deren prächtige bunte Glasfenster zu den frühesten Glasmalereien in Deutschland gehören.

Vom Marktplatz führt eine großartige, sich nach oben verjüngende[2] Treppe mit 70 Stufen zum Domplatz hinauf. Dort auf dem Domhügel erhebt sich wie eine Krone das Wahrzeichen von Erfurt über der Stadt: der Dom mit der benachbarten Severikirche. Von 1154- 1465 wurde am Dom gebaut. Eine besondere Kostbarkeit[3] ist die Gloriosa, die Königin der Glocken [4], die nur an besonderen kirchlichen Festtagen geläutet wird und deren voller Klang weit im Umland zu hören ist. Zu den wertvollsten Kunstschätzen im Dom gehören die romanische Stuck-Madonna von etwa 1160, die romanische Leuchterfigur des Heiligen Wolfram sowie der hochgotische Flügelaltar. Die Severikirche ist eine fünfschiffige Hallenkirche, im Innenraum steht der Sarkophag[5] mit den Reliquien des Heiligen Severus (um 1130), dessen Legende auf dem Sarkophag kunstvoll in Stein gemeißelt ist.

Seit der Wiedervereinigung ist Erfurt mit 200.000 Einwohnern die Hauptstadt des Freistaates Thüringen. Die Universität mit Medizinischer Akademie und landwirtschaftlich-gärtnerischen Forschungsinstituten zieht immer mehr Studenten und junge Wissenschaftler an. Man lebt und studiert gern in dieser schönen Stadt, die nach jahrzehntelanger sorgfältiger Restaurierung in neuem Glanz erstrahlt.

Der Artikel erschien in „Der Weg“ 1/2007

 

[1] die Verwaltung
[2] schmaler werdend
[3] die Kostbarkeit: etwas von besonderem Wert
[4] 1497 von dem Holländer van Kampen gegossen
[5] der Sarkophag: ein großer Sarg (meist) aus Stein


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