Erich Ohser, der Verfasser der „Vater und Sohn“ – Geschichten **

Viele kennen die lustigen „Vater und Sohn“ – Geschichten. Seit einigen Jahren drucken wir die Geschichten auch im „Weg“ ab. Wir ahnen sicher nicht, dass der Verfasser dieser netten Geschichten schon in der Mitte seines Lebens sterben musste.

Vom Schlosser zum Zeichner

Erich Ohser wurde 1903 in Sachsen an der tschechischen Grenze geboren. Sein Vater war dort Zollbeamter. Er nahm seinen kleinen Sohn oft auf seinen dienstlichen Wegen durch Feld und Wald mit. Dadurch entstand ein enges, liebevolles Verhältnis zwischen Vater und Sohn.

In der Stadt Plauen in Sachsen besuchte Erich die Schule. Anschließend lernte er den Beruf des Schlossers[1]. Während seines ganzen Lebens bedauerte[2] er, dass er nicht die Oberschule besuchen und studieren konnte. Er sah an sich und vielen anderen Menschen: die armen Leute haben es sehr viel schlechter als die reichen. Dadurch wurde er ein Anhänger der Sozialdemokratischen Partei. Er hasste alle Ungerechtigkeit.

Erich wollte nicht Schlosser bleiben, sondern Zeichner werden. So begann er mit 17 Jahren das Studium an der Kunstakademie in Leipzig. In den fünf Jahren dort verdiente er sich seinen Lebensunterhalt[3] durch Arbeit in einer Firma und durch seine Zeichnungen. Er machte Werbezeichnungen z. B. für die Sparkasse, das Stadttheater, den Zoo oder eine Seifenfabrik.

Nach seinem Studium lebte Erich Ohser in Leipzig von Zeichnungen für Zeitungen und Bücher. Er heiratete eine Mitstudentin und ging 1930 nach Berlin. Hier wurde sein Sohn Christian geboren. Ohser liebte ihn sehr.

 

Arbeitsverbot und eine neue Perspektive

Die schöne Zeit in Berlin fand 1933 ein plötzliches Ende: Adolf Hitler kam an die Macht. Ohser hatte in den Jahren davor durch Karikaturen[4] in Zeitungen den Nationalsozialismus scharf kritisiert. Deshalb wurde ihm jetzt wie vielen anderen Schriftstellern und Künstlern das Arbeiten verboten. Die Familie lebte von gespartem Geld und von dem, was Frau Ohser verdiente.

1934 suchte die große „Berliner Illustrierte[5] Zeitung“ einen Zeichner für Bildgeschichten mit immer den gleichen Personen. Dafür wählte die Zeitung Erich Ohser. Er bekam vom Staat eine Sondererlaubnis zum Arbeiten. Er durfte aber nur unpolitische Zeichnungen anfertigen und musste für sich einen falschen Namen verwenden. Ohser nannte sich deshalb in der Zeitung „e. o. plauen“. Das sind die Anfangsbuchstaben seines Vor- und Nachnamens und der Name seiner Heimatstadt.

Geliebt und gehasst

So hat „e. o. plauen“ von 1934 bis 1937 der „Berliner Illustrierten“ jede Woche eine neue „Vater und Sohn“-Geschichte geliefert. Die lustigen Abenteuer des liebenswerten Vaters mit seinem pfiffigen[6] Sohn eroberten bald die Herzen von Millionen Lesern. Hier fanden viele Deutsche in ihrem totalitären Staat ein Stück Freiheit und Menschlichkeit. Ohser wurde zu diesen Geschichten durch seine eigenen Erlebnisse mit seinem Vater und seinem Sohn angeregt.

Nach den „Vater und Sohn“ – Geschichten durfte Ohser weiter unter seinem Pseudonym[7] für Zeitungen zeichnen. Aber er musste dabei immer mehr Propaganda für den Nazi-Staat machen. Das erbitterte und deprimierte ihn. Wie zahlreiche Deutsche liebte er einerseits sein Vaterland und hasste andrerseits das Nazi-Regime[8]. Auf der Straße erzählte er mit lauter Stimme häufig gefährliche politische Witze.

1944 wurde Ohser bei der Polizei angezeigt[9] und verhaftet. Wenige Tage später wäre er zum Tod verurteilt worden. In der Nacht davor nahm er sich im Gefängnis das Leben[10].

Schon bald wurden Ohsers „Vater und Sohn“ – Geschichten gesammelt in 3 Bänden herausgegeben. Bis heute werden sie von Millionen Menschen weltweit gerne gelesen.

Ohser wollte durch die „Vater und Sohn“ – Geschichten anderen Menschen Liebe schenken, indem er sie mit Humor erfreute. Auch das ist eine Möglichkeit, anderen Menschen Gutes zu tun.

Hans Misdorf

Bilder aus: e.o.plauen, „Vater und Sohn“, Gesamtausgabe, © Südverlag GmbH, Konstanz, 1982 (ren.)mit Genehmigung der Gesellschaft für Verlagswerte GmbH, Kreuzlingen / Schweiz.

Der Artikel erschien in „Der Weg“ 3/2004

[1] der Schlosser: jemand, der beruflich besonders Produkte aus Metall oder Eisen herstellt oder der Maschinen repariert
[2] bedauern: etwas als unerfreulich, schade ansehen
[3] der Lebensunterhalt: das Geld, das man braucht, um Nahrung, Kleidung und Wohnung zu bezahlen
[4] die Karikatur: eine (meist witzige) Zeichnung, auf der bestimmte charakteristische Merkmale oder Eigenschaften einer Person / Sache übertrieben dargestellt werden
[5] eigentlich hieß die Zeitung „Illustrirte Zeitung“
[6] pfiffig: intelligent, geschickt und mit Humor und Fantasie gestaltet – gewitzt, schlau
[7] das Pseudonym: ein Name, den jemand statt seines eigenen Namens hat, um nicht erkannt zu werden – Deckname
[8] das Regime: abwertend verwendet, um besonders Regierungen zu bezeichnen, die nicht demokratisch sind
[9] eigentl.: denunzieren (bes. in einem totalitären Staat aus politischen Gründen) jemanden anzeigen oder die Polizei auf etwas aufmerksam machen, was jemand macht (weil man ihm schaden will)
[10] sich das Leben nehmen: sich selbst töten – sich umbringen, Selbstmord begehen


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