Die Schildbürger: Der Kaiser kommt zu Besuch **

Geschichte von den Schildbürgern:

 

Die Schildbürger: Die Kuh auf der alten Mauer**

Kaum dass der Kaiser abgereist war, gingen die Schildbürger wieder eifrig[1] ihren Berufen nach. Der Schmied beschlug die Pferde. Der Schulmeister brachte den Kindern das Einmaleins bei. Der Schuster besohlte die Schuhe. Der Bäcker backte das Brot. Und der Bürgermeister ging nachsehen, ob in der Stadt auch alles in bester Ordnung ist.

Wer soll das Gras mähen?

Dabei musste er aber feststellen, dass auf der eingestürzten[2] Mauer eines Hauses grünes Gras und würzige[3] Kräuter wuchsen. Das brachte er im Rathaus zur Sprache. Er sagte: „Es ist eine Schande[4], dass Gras und Kräuter auf der Mauer nutzlos verkommen.“ Der Ochsenwirt schlug deshalb vor, die Mauer abzumähen.

Die Mauer aber war hoch und brüchig[5]. Keiner wollte hinaufklettern und sich dabei den Hals brechen. Nach langen Debatten[6] fand der Schreiner einen Ausweg. Er sagte: „Wenn schon das Vieh die Mauer kahl fressen soll, dann soll es auch selber hinaufklettern.“

Alle fanden den Vorschlag gut und man wurde sich einig, dass der Kuh des Bürgermeisters diese Ehre gebührt[7]. Denn er hatte ja das Gras und die Kräuter auf der Mauer entdeckt.

Wie soll die Kuh hinauf?

Am nächsten Morgen wurde also die bürgermeisterliche Kuh feierlich zur Mauer geführt. Der Bürgermei­ster befahl: „So, Minna! Nun klettere hinauf und friss!“ Aber die Kuh Minna dachte nicht im Traum daran[8], hinaufzuklettern. Der Bürgermeister schlug ihr dann eins hinten drauf. (Nicht der Mauer, sondern der Kuh.) Aber die Minna wollte nicht.

Da holten sie einen langen Strick, banden ihn der Kuh um den Hals, warfen das Ende über die Mauer und zogen alle am Seil. Das arme Tier baumelte[9] in der Luft und die Zunge hing ihm aus dem Maul. Der Schneider rief: „Sie kriegt schon Appetit!“ Minnas Atemnot[10] wurde immer schlimmer. Ihre Zunge wurde immer länger. „Gleich wird sie fressen!“ meinte der Schmied.

Die „Klugheit“ ist schuld

Aber sie fraß nicht. Sie verdrehte die großen dunklen Augen, zappelte[11] noch einmal mit den Füßen, und aus war’s. Man ließ Minna wieder zur Erde herunter und konnte nur noch feststellen, dass sie tot war. Es war ein Jammer[12]. Doch die dummen Schildbürger hielten nicht viel vom Jammern. Sie schlachteten sie und veranstalteten ein Festessen. Mit Kuhfleisch. Auf der Speisekarte stand „Kalbsschnitzel“. Minna, die Kuh, als Kalbsschnitzel – man kann verstehen, dass es dem Bürgermeister nicht schmeckte.

„Liebe Freunde“, sagte er zerknirscht[13]: „An Minnas vorzeitigem Tod ist allein unsere Klugheit und unser Verstand schuld. Hätte ich das Gras auf der Mauer nicht bemerkt und daraus gefolgert, dass es nutzbringend verwendet werden sollte, wäre das brave Tier noch munter. Ich fürchte, wir sind noch immer nicht dumm genug.“ Die anderen nickten nachdenklich. Und das Gras und die Kräuter auf der alten Mauer wiegten[14] sich nach wie vor im Sommerwind.


[1] eifrig: mit starkem Bemühen, ein Ziel zu erreichen
[2] einstürzen: etwas fällt oder stürzt in Teilen oder als Ganzes nach unten
[3] würzig: mit kräftigem Geschmack oder Geruch
[4] die Schande: etwas, das einen großen Verlust des Ansehens oder der Ehre (meist wegen unmoralischen Verhaltens o.Ä.) bringt
[5] brüchig: so beschaffen, dass es leicht Risse bekommt und auseinander brechen kann
[6] die Debatte: eine meist öffentliche Diskussion über Probleme, zu denen es verschiedene Meinungen gibt
[7] gebühren: etwas steht jemandem / etwas (als Recht) zu
[8] nicht im Traum daran denken / nicht im Traum einfallen (Redew.): verwendet, um auszudrücken, dass jemand etwas überhaupt nicht tun will.
[9] baumeln: jemand / etwas hängt von etwas herab, ohne den Boden zu berühren und schwingt dabei hin und her, vor und zurück
[10] die Atemnot: Zustand, in dem jmd. nicht durchatmen kann, nach Atem ringt
[11] zappeln: aufgeregt oder unruhig sein und kurze schnelle Bewegungen machen
[12] es ist ein Jammer: es ist sehr schade / bedauerlich ; der Jammer: großer Kummer, der sich meist in lautem Klagen äußert
[13] zerknirscht: so, dass man weiß und es auch zeigt, dass man etwas falsch gemacht hat
[14] wiegen: sanft hin und her bewegen


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