Die Schildbürger: Erziehung an einem Tag oder gar nicht **

Geschichte von den Schildbürgern:

 

Ein Schildbürger fuhr mit seinem Sohn in die Kreisstadt zum Schulmeister[1] und sagte: „Man lobt deinen Unterricht. Deshalb möchte ich meinen Jungen ein wenig bei dir lassen.“ „Was weiß er denn schon?“, fragte der Lehrer und hörte dabei nicht auf, einen Schüler zu verprügeln[2]. „Er weiß nichts“, antwortete der Schildbürger. „Und wie alt ist er?“, fragte der Lehrer weiter. „Erst dreißig Jahre“, meinte der Schildbürger entschuldigend, „was kann er da schon gelernt haben! Ich selber bin fünfundsechzig Jahre alt und weiß nicht das Geringste[3]!“ „Also einverstanden“, erklärte der Schulmeister. „Lass ihn hier! Doch wenn er nicht pariert[4] und lernt, kriegt er von mir genau soviel Prügel[5], als ob er zwölf wäre!“ Das war dem Schildbürger recht. Er versprach auch, die Erziehung gut zu bezahlen. Dann gab er seinem Jungen zum Abschied eine Ohrfeige[6] und wollte gehen.

„Einen Moment!“ rief der Lehrer. „Wie lange soll er denn in meiner Schule bleiben? Wann holst du ihn wieder ab?“ „Bald“, sagte der Schildbürger. „Denn viel braucht er nicht zu lernen. Es genügt, wenn er soviel weiß wie du!“ Das ärgerte den Lehrer ein wenig, und er wollte ganz genau wissen, wann der Junge abgeholt wird. „Ganz genau kann ich’s dir nicht sagen“, meinte der Schildbürger. „Es hängt davon ab, wie lange euer Schmied braucht, meinem Pferd ein Hufeisen[7] festzuschlagen. Es hat auf der Herfahrt sehr geklappert[8]. Sobald das Eisen fest ist, hol ich ihn wieder ab.“ „Du bist wohl nicht bei Verstand[9]?“ rief der Schulmeister. „Und wenn ich deinen Bengel[10] prügele, bis mir der Arm weh tut, auch dann müsste ich ihn mindestens ein Jahr hier behalten, damit er etwas lernt!“ Da nahm der Schildbürger seinen dreißigjährigen Sohn wieder bei der Hand und ging fort. In der Tür sagte er nur noch: „Dass Lernen weh tut und Geld kostet, ist ja noch in Ordnung. Doch ein Jahr Zeit ist mir dafür zu schade. Dann soll er lieber so dumm bleiben wie sein Vater.“


[1] der Schulmeister: (veralted) Lehrer
[2] verprügeln: jemanden mehrmals sehr stark schlagen
[3] das Geringste: überhaupt nichts
[4] parieren: gehorchen
[5] die Prügel: mehrere Schläge, die jemand in einem Kampf oder als Strafe bekommt – Hiebe
[6] die Ohrfeige: ein Schlag, den man jemandem mit der offenen Hand ins Gesicht gibt
[7] das Hufeisen: ein gebogenes Stück Eisen, das man am Huf eines Pferdes mit Nägeln befestigt
[8] klappern: schnell hintereinander Geräusche machen, die hell und hart klingen
[9] du bist nicht bei Verstand [Rdw.]: was du tust, vorschlägst o.Ä., ist Unsinn
[10] der Bengel: frecher, ungezogener Junge


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